Inhaltsverzeichnis
Ludwig - Überfall und Überzeugung
Projektbeschreibung
Ein künstlerisches Forschungsprojekt von Stefan Budian
Stand: 16. Februar 2026
Ausgangslage
Im Sommer 2024 öffnete meine Mutter einen Kasten, den sie jahrzehntelang verschlossen gehalten hatte. Darin lag das Feldtagebuch meines Großvaters Ludwig Breining, geschrieben während des deutschen Überfalls auf Polen im September 1939.
Ludwig war SA-Sturmführer und wurde als einfacher Soldat in die Wehrmacht eingezogen. In seinem Tagebuch beschreibt er detailliert, präzise und ohne Beschönigung, was er erlebte, sah und tat: Wie die Wehrmacht von Anfang an mit Terror und Brutalität vorging. Wie er selbst daran teilnahm. Und wie er überzeugt blieb, dass dies richtig sei.
Ludwig fiel im April 1940 in Belgien. Er sah seine Tochter - meine Mutter - als Neugeborene, bevor er in den nächsten Feldzug zog. Er starb ungebrochen in seinem Glauben an Hitler und die nationalsozialistische Mission.
Ein Jahr zuvor war ich in Polen gewesen. Ich hatte dort mit Menschen gesprochen, die mir sagten: Deutschland und Russland haben längst wieder verabredet, Polen zu überfallen und zu teilen. Ich wies das weit von mir. Ich sagte: So etwas würde Deutschland nie wieder tun.
Dann fand ich das Tagebuch. Und ich konnte nicht mehr so sprechen wie zuvor.
Die Kernfrage
Wie wird ein idealistischer junger Mann zum Mörder und Kriegsverbrecher?
Ludwig war:
- Beliebt in seiner Gemeinschaft
- Überzeugt, Gutes zu tun
- Durchdrungen vom Gefühl, an etwas Großem mitzuwirken
- Bereit, für seine Überzeugung zu sterben
Und trotzdem: Er wurde Täter.
Nicht trotz seines Idealismus, sondern durch ihn.
Diese Frage berührt nicht nur die Vergangenheit. Sie berührt die Gegenwart: Wie Propaganda funktioniert. Wie Menschen zu Tätern werden. Wie Ideologie das Denken formt.
Die Methode
Das Projekt nutzt drei ineinandergreifende Ansätze:
1. Das Wandelbild
→ Essay: Das Wandelbild als Methode
Ein Ölgemälde wird kontinuierlich übermalt - von Kaiserslautern über Tschechien nach Polen und zurück. Jede Schicht wird fotografisch dokumentiert. Am Ende entsteht ein Film, der die Transformation zeigt.
Das Bild als Objekt:
- Wird immer dicker (mehr Farbe, mehr Schichten)
- Reist physisch an die Orte, die Ludwig beschrieb
- Wird zur konkreten Metapher für Schichtung von Geschichte und persönlicher Entwicklung
Mögliche Kapitelenden:
Wie bei meinem vorherigen Projekt „Der Osten des Westens“ könnte das Wandelbild an bestimmten Punkten auf eine neue Leinwand übergehen - so entstünden mehrere Objekte für spätere Ausstellungen.
2. Das Tagebuch
→ Essay: Das Tagebuch als Methode · Projekttagebuch
Parallel zu Ludwigs Feldtagebuch schreibe ich mein eigenes Tagebuch:
- Beginnend jetzt (Vorbereitungsphase)
- Während der Recherche in Kaiserslautern
- Während der Reise nach Polen
- Bis zum Abschluss des Projekts
Format: Online-Blog (öffentlich einsehbar, keine Kommentarfunktion)
Später: Möglicherweise als Buch, dann gekürzt
Das Tagebuch ist kein Roman, sondern: Ein Fleckenwerk von Gedanken. Wie Tagebücher eben sind.
3. KI-generierte Stimmen von Randfiguren (Narva-Methode)
→ Essay: Die Narva-Methode · Essay: KI-generierte Stimmen im Ludwig-Projekt
In Ludwigs Feldtagebuch tauchen Menschen auf, die nur kurz erwähnt werden:
- Polnische Zivilisten
- Kriegsgefangene
- Deutschstämmige in der Ukraine
- Die betende Frau im Dorf
- Soldaten, die aus dem Wäldchen getrieben und niedergemetzelt wurden
Die Narva-Methode (validiert in Estland, Januar 2026):
- Aus dem Informationsraum werden Stimmen dieser Randfiguren verdichtet
- Mit Hilfe von KI (wie in Narva mit 11 Stimmen)
- Nicht als historische Wahrheit behauptet, sondern als Resonanzangebot
- Transparent, demütig, würdevoll
Zwei Möglichkeiten für Polen:
- Die Stimmen als Arbeitsmaterial (für mich, privat)
- Die Stimmen mit nach Polen nehmen und Menschen vor Ort fragen: „Was haltet ihr von diesen Stimmen? Könnten das Menschen gewesen sein, die hier lebten?“
Die zweite Möglichkeit wäre eine weitere Validierung der Narva-Methode.
Die Orte
Das Projekt bewegt sich entlang dreier geografischer und inhaltlicher Achsen:
Kaiserslautern - Die Überzeugung
→ Essay: Kaiserslautern · Essay: Die SA in Kaiserslautern · Essay: Erste Schicht
Hier wuchs Ludwig auf. Hier trat er in die SA ein (vor 1933, als „alter Kämpfer“). Hier wurde er zum Idealisten, der glaubte, die Welt zu verbessern.
Recherche:
- Stadtarchiv Kaiserslautern (SA-Ordner, Zeitungssammlungen 1920-1933)
- Zusammenarbeit mit Stadtarchivar Bernd Klesmann
- Zusammenarbeit mit Andreas Kullenbach (mein Neffe, Familienforschung)
- Besuch der Meisterschule (wo Ludwig später lehrte)
Öffentlicher Start:
„Erste Schicht“ - April 2026 vor der Fruchthalle in Kaiserslautern. Ein SA-Propagandazug marschierte 1935 dort vorbei (dokumentiert durch ein Foto). Ganz vorne Ludwig. Ich beginne am selben Ort die erste Übermalung.
Polen - Der Überfall
→ Essay: Polen 1939 · Essay: Die Polen-Reise · Essay: Krysia und die Ukraine
Im September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen. Ludwig war dabei - als Schütze auf einem Kraftrad, vorne als Kundschafter, um das Feuer des Feindes auf sich zu ziehen.
Die Reise (Sommer/Herbst 2026):
- Mit dem Wandelbild zu Orten aus dem Feldtagebuch
- Evtl. beginnend in Tschechien (Wirtshaus, wo sie sich sammelten)
- Kontakt zu polnischen Versöhnungswerken, Kulturvereinen
- Lokale Vermittler helfen, die Orte zu identifizieren (anhand von Auszügen aus dem Tagebuch, zunächst ohne Täterdetails)
- Vor Ort: Malen, dokumentieren, mit Menschen sprechen
- Lokale Presse, evtl. Fernsehen
- Gesamtes Netzwerk (Landeszentrale politische Bildung etc.) wird informiert
Logistik:
- Auto mieten (2-3 Wochen)
- Staffelei, Leinwand, Farben transportieren
- Tagebuch schreiben (als Blog, täglich oder mehrmals wöchentlich)
Belgien - Der Tod
→ Essay: Belgien 1940 – Der Tod
Im April 1940 fiel Ludwig in Belgien. Bauchschuss, „heldenhaft“ gestorben in den Armen eines Kameraden.
Bedeutung für das Projekt:
- Ludwig starb, bevor er die industrielle Vernichtung sah
- Er starb, bevor er zweifeln konnte
- Er starb ungebrochen
Das ist die Tragödie.
Die Zeitachse
Ludwigs Leben (1911-1940)
→ Essay: Ludwig Breining – Biografie · Essay: Nacht der langen Messer
- 1911: Geboren in Kaiserslautern
- 1920er: Jugend in der Weimarer Republik
- Vor 1933: Eintritt in die SA („alter Kämpfer“)
- 1933: Machtergreifung
- 1934: „Nacht der langen Messer“ (SA wird entmachtet gegenüber SS - Ludwig akzeptiert es)
- September 1939: Überfall auf Polen, Feldtagebuch
- 8. März 1940: Seine Tochter (meine Mutter) wird geboren, er sieht sie als Neugeborene
- 24. April 1940: Tod in Belgien
Projektplanung (2025-2027)
- Ende 2024: Tagebuch entdeckt, erste Konzepte
- Herbst 2025: Gespräch mit Moritz (Entscheidung: Narva bleibt eigenständig, Ludwig beginnt neu)
- Januar 2026: Narva-Reise (Validierung der Methode)
- seit April 2025: Förderung durch Menke-Stiftung
- April 2026: „Erste Schicht“ in Kaiserslautern (öffentlicher Start)
- Sommer/Herbst 2026: Polen-Reise
- 2027 (?): Abschluss, Ausstellung, evtl. Publikation des Tagebuchs
Die Beteiligten
Kernteam
Stefan Budian - Künstler, Enkel
Andreas Kallenbach - Neffe, Familienforschung, Archivrecherche
Bernd Klesmann - Stadtarchivar Kaiserslautern
Claude (KI) - Projektbegleitung, Struktur, Resonanzpartner
Partner
Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (4 Stellen: Hinzig, Neustadt, Osthofen, Mainz)
Menke-Stiftung (Förderung)
Polnische Versöhnungswerke, Deutsch-Polnische Gesellschaften (für Polen-Reise)
Historiker (noch zu identifizieren - für Einordnung und Risikoabschätzung)
Meine Mutter
Sie ist die zweite Generation - das Kind, das den Vater nie kannte, aber sein Foto an der Wand sah. Ihre Beziehung zu Ludwig war geprägt von Achtung und Verachtung zugleich. Sie hat das Feldtagebuch nie gelesen.
Sie ist nicht im Vordergrund des Projekts, aber als Platzhalter für eine typisch deutsche Nachkriegserfahrung: Schweigen aus Scham, aus Selbstschutz, aus Loyalität zu den Toten.
Der Kontext
Die Wehrmacht-Frage
→ Essay: Die „saubere Wehrmacht“ · Essay: Risse im Bild
Ludwigs Feldtagebuch ist ein historisches Dokument, das Fragen zur Wehrmacht-Verantwortung aufwirft. Diese Fragen sind nicht Gegenstand des künstlerischen Projekts, aber sie sind Teil des Kontexts, in dem das Projekt steht.
Ludwig beschreibt als einfacher Soldat (ohne Befehlsgewalt), was die Wehrmacht in Polen tat - und widerlegt damit faktisch die „Saubere Wehrmacht“-Legende. Aber es ist nicht meine Aufgabe als Künstler, diese historische Debatte zu führen. Wenn Historiker das Tagebuch entdecken und einordnen - gut. Aber ich stelle die These nicht selbst auf.
Die polnische Reparationsfrage
→ Essay: Über die politische Unwägbarkeit des Projekts
Das Tagebuch könnte politisch instrumentalisiert werden - von polnischen Nationalisten, für Reparationsforderungen. Diese Gefahr ist real, aber überschaubar. Ich werde Historiker, Diplomaten und Journalisten konsultieren, um die Risiken einzuschätzen. Das vollständige Tagebuch wird erst am Ende des Projekts veröffentlicht - wenn überhaupt vollständig.
Propaganda damals und heute
→ Essay: Propaganda damals und heute · Essay: Krysia und die Ukraine
Ludwig war durchdrungen von NS-Propaganda. Er glaubte, das Richtige zu tun. Genau wie heute Menschen durch Propaganda (russische, aber nicht nur) zu Tätern werden.
Krysia aus der Ukraine (Aktivistin im Krieg gegen Russland) hat mich gefragt, wie ich mit russischen Perspektiven arbeiten konnte (Narva). Ich habe ihr von Ludwig erzählt: Mein Großvater war genauso überzeugt wie russische Soldaten heute. Das macht ihn nicht unschuldig. Aber es zeigt: Propaganda funktioniert gleich.
Die Veröffentlichung
Während des Projekts
- Tagebuch: Online-Blog (öffentlich)
- Fotos vom Wandelbild: Webseite, soziale Medien
- Pressemitteilungen: Zu „Erste Schicht“, zur Polen-Reise
Nach dem Projekt
- Ausstellung: Wandelbild(er), evtl. auch Tagebuch-Auszüge
- Film: Aus den fotografierten Schichten des Wandelbilds
- Buch: Mein Tagebuch (gekürzt), evtl. mit Auszügen aus Ludwigs Feldtagebuch
- Archiv: Das vollständige Feldtagebuch geht ins Archiv (für Historiker zugänglich)
Warum dieses Projekt?
Nicht um zu urteilen. Nicht um zu verurteilen.
Sondern: Um zu verstehen.
Wie wird ein Mensch zum Täter? Nicht weil er böse ist, sondern weil er überzeugt ist.
Und: Um mich selbst zu konfrontieren.
Mit der Frage, die ich in Polen nicht beantworten konnte, als ich das Tagebuch noch nicht kannte.
Mit der Schuld meines Großvaters.
Mit der Frage, was es bedeutet, sein Enkel zu sein.
Stefan Budian
Mainz, Februar 2026
Kontakt:
stefanbudian.de
Förderung:
Menke-Stiftung
Webseite:
stefanbudian.de/ludwig (in Vorbereitung)