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Ludwig - und „Der Osten des Westens“

Zwei Bewegungen

Ein Essay über den Bezug der beiden Projekte

Der Osten des Westens fragt: Wohin geht Europa?
Das Ludwig-Projekt fragt: Woher kommt es?

Das klingt nach zwei Hälften einer Geschichte. Aber sie sind keine Hälften. Sie sind zwei verschiedene Bewegungen, die sich im selben Feld aufhalten, ohne füreinander zu sprechen.

Der Osten des Westens

Der Osten des Westens begann mit einer Selbstverständlichkeit, die zerbrach.

Stefan Budian ist aufgewachsen in einem Europa, das ihm etwas versprach, ohne es zu nennen: dass der Staat auf seiner Seite steht. Dass die Polizei schützt. Dass Korruption die Ausnahme ist und nicht die Regel. Dass ein Mensch in seiner Besonderheit Raum hat, ohne sich unterordnen zu müssen. Er hatte das nie verteidigt, weil er es nie verlieren zu können glaubte. Dann begann es zu bröckeln – nicht durch einen einzigen Einbruch, sondern durch das langsame Erkennen, dass diese Selbstverständlichkeit eine Ausnahme in der Welt ist, keine Norm.

Er begann zu reisen. In Länder, die er Osteuropa genannt hatte, die aber geographisch die Mitte Europas sind. Und dort traf er die Sehnsucht nach dem, was er für selbstverständlich gehalten hatte: Sehnsucht nach „Freiheit“ nicht als Anarchie, sondern als einem Zustand, in dem der eigene Staat den Willen und die Kraft hat, den Einzelnen zu schützen – gegen Überformung, gegen Willkür, gegen die Macht derer, die ihre Interessen mit Gewalt oder Betrug durchsetzen wollen.

Diese Sehnsucht war real. Und sie war begleitet von Enttäuschung. Weil das Versprechen Europas für viele Menschen im Osten des Westens nicht eingelöst wurde – oder eingelöst wurde auf eine Weise, die wie eine neue Oligarchie aussah, nur mit anderem Gesicht. Dann kam dort der Rückzug in das Eigene: die eigene Sprache, das eigene Volk, die eigene Geschichte; aus erschöpfter Hoffnung heraus.

Das ist das Feld, das Stefan bereist. Ohne zu urteilen, wohin es führt. Mit dem Wandelbild, das nicht Antworten geben, sondern Begegnung ermöglichen will.

Ludwig, Überfall und Überzeugung

Das Ludwig-Projekt beginnt an einem anderen Ort.

Stefans Großvater Ludwig Breining, geboren 1911, gestorben 1940, SA-Sturmführer, Maler, Lehrer, Soldat. Ein Mensch, der in seinem Umfeld beliebt und geachtet war. Dessen Foto jahrzehntelang an der Wand hing, ohne dass man über ihn sprach. Geliebt und beschwiegen zugleich.

Das Feldtagebuch, das Stefan von seiner Mutter 2025 erhielt, zeigt einen Menschen, der von innen her kohärent war. Ludwig schrieb gut. Er empfand. Er liebte seine Kameraden. Er war SA Sturmführer. Er wollte Menschen helfen, die orientierungslos waren; helfen, indem er ihnen zeigte, wie man aufhört, offen zu sein, und anfängt, an etwas Großem durch Unterordnung teilzuhaben. In seinem Bericht vom 24. August bis 2. Oktober 1939 – den Wochen des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen - beobachtete er genau. Er beschrieb die Landschaft und das Wetter, die brennenden Dörfer, die erschossenen Menschen, die Juden, die Leichen und seine eigenen Gedanken. Er war mit sich im Reinen, er tat was er dort tat aus Überzeugung; aus seinem Idealismus heraus.

Stefans Mutter sagte: Er erinnert mich an dich. Dein Idealismus. Deine Bereitschaft, für das einzustehen, woran du glaubst. Das ist sein Ausgangspunkt des Projekts: „Wie wurde ein Mensch, der ich sein könnte, zu dem, was ich nicht sein will?“

Das Ludwig-Projekt versucht Stefan, Ludwig von innen heraus zu sehen – wie ein Schriftsteller einer Romanfigur Leben verleiht, ohne über sie zu urteilen, ohne sie zu ändern, ohne sie schärfer zu machen als sie war. Um ihn dort zu treffen, wo Ludwig war. In Kaiserslautern. In Tschechien. In Polen. In der Nähe von Auschwitz. In der heutigen Ukraine.

Die Übertragung in die Gegenwart ist nicht die Aufgabe des Projekts. Das ist (vielleicht) die Aufgabe derer, der dem Projekt begegnen.

Warum können die beiden Projekte nicht füreinander sprechen?

„Ludwig“ ist kein mahnendes Beispiel für das, was heute in unserer Welt geschieht. Und „Der Osten des Westens“ braucht keine historische Erklärung, um zu zeigen, was jetzt auf dem Spiel steht.

Wenn Ludwig zum Spiegel der Gegenwart wird – wenn er zur Warnung instrumentalisiert wird –, verliert er das, was ihn wertvoll macht: seine Innerlichkeit, seine Kohärenz, sein Menschsein. Er wird zur Lektion. Und Lektionen schließen Begegnung aus, genauso wie Propaganda es tut.

Wenn „Der Osten des Westens“ zum historischen Befund wird – wenn er erklärt, wie damals zu heute führte –, verliert er seine Offenheit. Er nimmt eine Richtung an. Und das Wandelbild, das keine Richtung trägt, hört auf, das zu sein, was es ist und wird zur Illustration.

Beide Projekte leben von derselben Grundhaltung: nicht zu wissen, bevor man begegnet. Ein Erkennen, das sich ereignet, bevor es einen Namen hat. Diese Haltung ist es, die sie eigentlich verbindet.

Und darin berühren sie sich

Wer den „Osten des Westens“ bereist und dann „Ludwig, Überfall und Überzeugung“ begegnet, wird vielleicht etwas spüren – eine Verbindung zwischen der Sehnsucht nach Freiheit, die er dort angetroffen hat, und dem Weg, der einmal in die entgegengesetzte Richtung führte. Wer „Ludwig“ begegnet und dann in den „Osten des Westens“ reist, wird die Fragen, die er mitbringt, anders tragen.

Aber die Antworten, die fühlbar werden, wenn man beide zusammendenkt, gehören dem, der denkt. Nicht den Projekten.