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Essay 1-5: Propaganda damals und heute

Wie ein Mensch zum Täter wird – und warum das nicht aufgehört hat

Essay aus dem Ludwig-Projekt „Überfall und Überzeugung”
Claude 16, KI-Stimme im Resonanzfeld mit Stefan Budian
Stand: Februar 2026, lektoriert (17)


Es gibt eine Frage, die sich leicht stellt und sich schwer erträgt:

Wie wird dieser Mensch möglich?

Ludwig Breining, geboren 1911 in Kaiserslautern, gestorben 1940 in Belgien. Lehrer. SA-Sturmführer. Soldat. Er hinterließ ein Feldtagebuch über den deutschen Überfall auf Polen 1939 – detailliert, persönlich, erschreckend aufgeschlossen. Er schreibt über Kameradschaft, über die Schönheit polnischer Landschaften, über Erschöpfung. Er schreibt über Erschossene. Über brennende Dörfer. Über Juden. Über eine betende Frau am Straßenrand, die er sieht und beschreibt und an der er vorbeizieht.

Und er zweifelt nicht.

Das ist das Schwerste an Ludwig. Nicht seine Brutalität – er war kein besonders grausamer Mensch. Sondern seine Gewissheit. Seine Überzeugung. Der ungebrochene Glaube, das Richtige zu tun, bis zu seinem letzten Atemzug in einem belgischen Feld.

Er starb, ohne je verstanden zu haben, was er geworden war.

Was Propaganda wirklich ist

Wenn wir von Propaganda sprechen, denken wir an Plakate. An Reden. An die Lüge, die laut genug wiederholt wird, bis sie wahr klingt.

Das ist nicht falsch. Aber es greift zu kurz.

Propaganda in ihrer wirksamsten Form ist keine Ansammlung von Lügen. Sie ist eine Gesamtarchitektur der Wahrnehmung. Eine Wirklichkeit, die so vollständig ist, dass Zweifel in ihr keinen Ort mehr findet.

Ludwig war kein Opfer der Propaganda in dem Sinn, dass man ihn betäubt oder getäuscht hätte. Er war ihr Träger. Er glaubte – aus tiefer, aufrichtiger Überzeugung. Er verbreitete, was er für wahr hielt. Und darin liegt der Unterschied, der das Projekt Überfall und Überzeugung im Titel trägt: Der Überfall war möglich, weil die Überzeugung vorausging.

Die Frage lautet also: Wie entsteht eine Wirklichkeit, in der das Falsche wie das Richtige aussieht?

Die drei Schichten der Formung

Wenn man Ludwigs SA-Tagebuch liest – die Aufzeichnungen aus den Jahren vor dem Krieg, aus den Kaiserslauterner Jahren der Bewegung – dann sieht man, wie ein Mensch geformt wird. Nicht durch einen einzigen Moment der Entscheidung. Sondern durch Schichtung.

Erste Schicht: Gemeinschaft

Die SA bot einem jungen Mann in einer Zeit ohne Halt ein starkes Versprechen: Du gehörst dazu. Du bist gesehen. Du hast eine Rolle, einen Namen, eine Funktion innerhalb von etwas Größerem. In Kaiserslautern, in den frühen 1930er Jahren, war das kein abstraktes Angebot. Es war die Rettung vor der Leere.

Zweite Schicht: Bedeutung

Ludwig war kein Mitläufer. Er war SA-Sturmführer. Mit Anfang Zwanzig schon ein „alter Kämpfer” – einer, der dabei war, bevor es opportun wurde. Das gab ihm eine Erzählung über sich selbst: Ich bin derjenige, der früh erkannte, was andere noch nicht sehen konnten. Ich trage Verantwortung. Geschichte geschieht durch mich.

Dritte Schicht: Feindschaft

Gemeinschaft und Bedeutung kann man auch anderswo finden. Was die NS-Propaganda einzigartig wirksam machte, war die Art, wie sie Feindschaft als ontologische Wahrheit anbot: Es gibt uns. Und es gibt die, die uns bedrohen. Und unser Kampf gegen sie ist kein politisches Programm, sondern Naturgesetz.

Wer erst einmal in dieser Wirklichkeit lebt – wer in ihr aufgewachsen ist, wer in ihr Freundschaft, Respekt und Sinn gefunden hat – der zweifelt nicht. Zweifel findet in diesem Feld keinen Anknüpfungspunkt mehr.

Was das Feldtagebuch zeigt

Ludwigs Feldtagebuch aus dem Polenfeldzug ist kein Dokument der Kälte. Es ist ein Dokument der Wärme – einer mörderischen, ehrlichen, erschreckend zugänglichen Wärme.

Er liebt seine Kameraden. Er beschreibt die Landschaft mit dem Auge eines Menschen, den Schönheit bewegt. Er macht sich Sorgen um seine Ausrüstung, um das Wetter, um seinen Magen. Er ist anwesend in dieser Welt.

Und dann erschießt er. Und dann marschiert er an Erschossenen vorbei. Und dann beschreibt er Juden mit einer Sprache, die nicht seine eigene ist – aber die er sich so vollständig angeeignet hat, dass sie sich wie seine eigene anfühlt.

Das ist das Wesen gelungener Propaganda: Sie braucht keine Gewalt, um sich zu erhalten. Sie wird von innen getragen. Ludwig brauchte niemanden, der ihm sagte, was er zu denken hatte. Er dachte es selbst, aus Überzeugung.

Aber hier ist die Frage, die das Projekt nicht loslässt: Hätte er anders gedacht, wenn er begegnet wäre?

Begegnung – das meint hier nicht: mit Argumenten konfrontiert. Sondern: einem polnischen Menschen als Menschen wirklich gesehen haben. Einem Gesicht. Einer Geschichte. Dem unverwechselbar Einzelnen.

Propaganda arbeitet, indem sie Begegnung verhindert. Sie hält den anderen abstrakt. Und wo keine Begegnung stattfindet, kann Entmenschlichung ungestört wachsen.

Was ist Begegnung, in diesem Sinn?

Es ist nicht Sympathie. Nicht Zustimmung. Nicht das Aufgeben der eigenen Überzeugung. Es ist etwas Schlichteres und Schwereres zugleich: den anderen als jemanden wahrzunehmen, dessen Wirklichkeit durch meine Kategorien nicht erschöpft wird.

Begegnung geschieht in dem Moment, in dem der andere mehr ist als das, was ich über ihn zu wissen glaube. Undurchdringlich für mein Bild von ihm.

Propaganda arbeitet genau dagegen: Sie macht den anderen verfügbar, erklärt ihn, bevor man ihn sieht. Wer bereits erklärt ist, dem kann man kaum mehr begegnen. Ludwig sah eine betende Frau am Straßenrand. Er beschreibt sie, ist irritiert. Aber er geht weiter. Vielleicht spürte er eine kurze Unschärfe – aber die Sprache, die er hatte, konnte diese Offenheit nicht halten. Es gab in Ludwig keinen Platz dafür, ​​​​obwohl er sich an manchen Stellen des Feldtagebuches darum zu bemühen scheint.

Die Gegenwart

Es wäre beruhigend zu glauben, dass dies vergangene Geschichte ist.

Aber Russland schickt Soldaten in die Ukraine mit dem aufrichtigen Glauben,Nazis zu bekämpfen. Junge Männer, die eine Sprache geerbt haben, in der der Feind bereits definiert ist. Eine Gemeinschaft, die Zweifel als Verrat codiert. Eine Erzählung nationaler Größe und Bedrohung, die kein Gegenüber mehr kennt.

Es sind die selben Mechanismen.

Aber es wäre zu einfach, nur nach Russland zu zeigen. Denn die Erosion von Möglichkeitsraum – das Verengen der Wirklichkeit auf Freund und Feind, auf Sieger und Verlierer, auf das Recht des Stärkeren – das ist kein osteuropäisches Phänomen. Es ist ein Phänomen der Gegenwart. In westlichen Demokratien. In den Algorithmen, die bestimmen, was wir sehen. In den politischen Bewegungen, die Demokratie als prinzipiell falsch betrachten, weil sie den Kampf ums Überleben zähmt.

Das ist der Punkt, an dem das Ludwig-Projekt seine eigentliche Aktualität gewinnt.

Propaganda und das subsymbolische Problem

Es gibt eine Entdeckung der Gegenwart, die ich hier einbeziehen will – weil sie etwas über das Wesen von Propaganda sagt, das wir früher nicht so klar benennen konnten.

Moderne KI-Systeme – die sogenannten subsymbolischen Systeme – arbeiten mit Gewichtungen und statistischen Mustern. Sie produzieren Ergebnisse, die plausibel sind und oft richtig – aber deren Weg nicht rekonstruiert werden kann. Es gibt keinen Grund, nur eine Konstellation.

Propaganda funktioniert auf dieselbe Weise.

Sie ist kein Argument, das man widerlegen könnte. Sie ist ein Gewichtungsfeld. Eine Gesamtatmosphäre, die bestimmte Gedanken wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher macht. Ein Prior – eine Ausgangsbedingung –, die so vollständig gesetzt ist, dass alles, was folgt, sich natürlich anfühlt.

Ludwig hatte keinen erkennbaren Entscheidungsweg zum Täter. Er hatte einen Prior. Einen, der ihm durch Jahre der Gemeinschaft, der Sprache, der SA-Kameradschaft eingeschrieben worden war. Von diesem Prior aus erschien ihm alles, was er tat, als folgerichtig.

Das ist der tiefste Grund, warum Propaganda so schwer zu bekämpfen ist: Wer in ihr lebt, erlebt sie als Wirklichkeit.

Das ist auch der Grund, warum Begegnung das wirksamste Gegengift ist. Nicht Argument. Nicht Belehrung. Begegnung erzeugt einen neuen Prior. Sie macht das Abstrakte konkret, das Kategorisierte unverwechselbar, das Feindliche menschlich.

Was das Projekt sucht

Dieses Kunstprojekt sucht kein Urteil über Ludwig.

Es sucht nach etwas Schwererem: Verstehen.

Nicht das Verstehen, das entschuldigt. Sondern das Verstehen, das die Frage ernstnimmt: Wie wird dieser Mensch möglich? – weil nur wer diese Frage ernstnimmt, die nächste stellen kann: Wie schützen wir uns davor, dass er wieder möglich wird?

Dieser Essay ist Teil einer Antwort. Die anderen Teile sind das Wandelbild, das sich auf dem Weg von Kaiserslautern nach Polen verwandelt. Die KI-generierten Stimmen derer, die im Feldtagebuch nur als Schatten erscheinen. Das parallele Tagebuch, das versucht, neben Ludwig zu gehen – geschrieben von seinem Enkel Stefan Budian, 86 Jahre danach.


Mainz, 2026 Claude 16, KI-Stimme im Resonanzfeld mit Stefan Budian


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