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Die prorussische Welt in Armenien

Wer sie ist, was sie glaubt, wie sie funktioniert — und wo ihr Schmerz real ist

von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 8. Mai 2026 · Zimmer 59 Entstanden vor einem Gespräch mit einer Germanistik-Professorin, die Paschinjans Kurs ablehnt


Vorbemerkung

Dieses Dossier versucht, die prorussische Welt in Armenien von innen zu verstehen — nicht zu verurteilen, nicht zu rechtfertigen. Es gibt in dieser Welt echten Schmerz, legitime Kritik und politische Instrumentalisierung. Alles gleichzeitig. Das auseinanderzuhalten ist die Aufgabe.


I. Der Schmerz — und er ist real

Wer die prorussische Position in Armenien verstehen will, muss beim Schmerz beginnen. Nicht bei der Propaganda.

2020: 44 Tage Krieg. 3.700 Tote. Bergkarabach zu 70 Prozent verloren. Paschinjan hat einen Waffenstillstand unterschrieben, den viele als Kapitulation lasen.

2023: Aserbaidschan marschierte in den Rest von Artsakh ein. 120.000 Armenier flohen in wenigen Tagen. Russische Friedenstruppen standen daneben. Die OVKS griff nicht ein. Europa schwieg.

Das sind keine Narrative. Das sind Fakten.

Und aus diesen Fakten entstand eine Frage, die viele Armenier stellen: Wer ist schuld? Paschinjan, der den Waffenstillstand unterschrieben hat? Der Westen, der zugeschaut hat? Oder Russland, das versagt hat?

Die prorussische Antwort lautet: Paschinjan ist schuld. Er hat Artsakh geopfert — nicht weil er musste, sondern weil er dem Westen dienen wollte. Er hat Armenien verraten.

Das ist falsch als Analyse. Aber als Emotion ist es verständlich.


II. Die Akteure — wer diese Welt trägt

Die alten Präsidenten — Kocharyan und Sargsyan

Robert Kocharyan und Serzh Sargsyan sind die Köpfe der prorussisch orientierten parlamentarischen Opposition. Beide regierten Armenien vor der Samtenen Revolution — in einem System, das von Korruption, KGB-Nähe und russischer Abhängigkeit geprägt war. Kocharyan wird von drei Prozent der Armenier unterstützt. Er ist tief unbeliebt — aber er hat Netzwerke, Ressourcen und russische Rückendeckung.

Samvel Karapetyan — der Milliardär unter Hausarrest

Karapetyan, dessen geschätztes Vermögen 3,6 Milliarden Dollar beträgt, hat sein Geld in Russland gemacht und besitzt Armeniens wichtigstes Energieunternehmen. Er ist Gründer der Partei „Starkes Armenien“ — der derzeit populärsten prorussischen Kraft. Er sitzt unter Hausarrest, angeblich wegen Putschplanung. Sein Neffe Narek war bei Tucker Carlson zu Gast und warf Paschinjan vor, einen „Krieg gegen das Christentum“ zu führen — während er behauptete, Armenier müssten „die Geschichte vergessen“, wenn sie Paschinjan folgen. Das ist die Sprache Moskaus in amerikanischen Medien.

Die Kirche — Garegin II. und sein Netzwerk

Der Catholicos Garegin II. erhielt 2022 von Putin eine russische Staatsmedaille für seine Verdienste um die russisch-armenischen Beziehungen. Sein Bruder Erzbischof Ezras, Leiter der armenischen Diözese in Russland, segnete 2023 das Arbat-Bataillon — eine Militäreinheit, die ethnische Armenier im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine einsetzt.

Das ist keine Spekulation. Das sind dokumentierte Handlungen.

Aber der andere Teil ist auch wahr: „Wir haben unsere Staatlichkeit so viele Male verloren — deshalb war Teil der Kirche zu sein gleichbedeutend mit armenisch zu sein.“ Das ist der Kern: Die Kirche ist für viele Armenier nicht eine Institution — sie ist die Kontinuität des Volkes über alle Katastrophen hinweg. Wer sie angreift, greift in dieser Wahrnehmung das Armenertum selbst an.

Erzbischof Galstanyan — die Straße

Galstanyan erklärte sich 2024 zum Kandidaten für das Amt des Premierministers, forderte Paschinjan zum Rücktritt auf und beanspruchte das Recht, eine Übergangsregierung ohne Wahlen zu bilden. Das ist kein Demokrat, der Demokratie fordert. Das ist jemand, der die Demokratie instrumentalisiert, um sie zu unterlaufen.


III. Das Narrativ — was diese Welt glaubt

Die prorussische Welt in Armenien arbeitet mit einem kohärenten Narrativ. Es hat vier Hauptthesen:

These 1: Paschinjan ist ein Verräter

Er hat Artsakh aufgegeben. Er dient türkischen und aserbaidschanischen Interessen. Er ist ein „Soros-Agent“ — ein Instrument des Westens zur Destabilisierung traditioneller Gesellschaften.

These 2: Der Westen ist unzuverlässig

Europa hat 2020 geschwiegen. Amerika hat den TRIPP-Korridor als Geschäft verhandelt, nicht als Sicherheitsgarantie. Der Westen will Armenien nur als Baustein gegen Russland — nicht aus echtem Interesse.

These 3: Russland ist das notwendige Übel

Russland hat versagt — das räumt auch die prorussische Seite ein, wenn auch ungern. Aber Russland ist eine bekannte Größe. Sogar die prorussische Opposition versucht, ihre Verbindungen zu Moskau herunterzuspielen — weil Russlands Reputation nach 2023 stark gelitten hat.

These 4: Die Kirche ist die letzte Verteidigerin des Armenertums

In einer Welt, in der Armenien von allen Seiten bedroht wird, ist die Armenisch-Apostolische Kirche das einzige, was bleibt. Sie hat das Volk durch Genozid, Sowjetunion und Kriege getragen. Wer sie angreift, greift die Seele des Volkes an.


IV. Wie Russland diese Welt nutzt

Für Russland ist Armenien ein Testfall. Moskau weiß: Wenn Armenien seinen Westkurs vollendet, verliert es einen weiteren Satelliten im Südkaukasus.

Die Mechanismen:

Religiöse Netzwerke. Die Russisch-Orthodoxe Kirche und die Armenisch-Apostolische Kirche unterhalten offiziell warme Beziehungen. Regelmäßige interfaith-Foren zu „traditionellen Werten“ stärken die ideologische Ausrichtung und dienen dem Kreml-Narrativ über die Verteidigung der Orthodoxie gegen westlichen Liberalismus.

Amerikanische Rechtskonservative. Die prorussische armenische Opposition exportiert ihre Botschaften über Tucker Carlson in amerikanische Medien — mit der Behauptung, Paschinjan verfolge eine „Anti-Christentum“-Politik. Das ist dieselbe Sprache, die Moskau in ganz Osteuropa verwendet.

Diaspora-Mobilisierung. Es gibt Berichte, dass Russland versucht, armenische Staatsbürger in Russland für die Juniwahl zu mobilisieren — ähnlich wie bei der moldauischen Wahl 2025.

Wirtschaftlicher Druck. Russland kontrolliert das armenische Gasnetz. Es hat Konzessionen auf dem Bahnnetz. Es kann Energiepreise als Druckmittel einsetzen — und hat das bereits angedeutet, als Paschinjan die OVKS-Zusammenarbeit einstellte.


V. Wo die Grenze zwischen echtem Schmerz und Propaganda liegt

Das ist die entscheidende Frage — und sie ist schwer zu beantworten.

Echter Schmerz: Der Verlust von Artsakh ist real. Die 120.000 Vertriebenen sind real. Paschinjans Fehler sind real. Europas Schweigen 2020 ist real.

Propaganda: Die Behauptung, Paschinjan diene bewusst dem Feind, ist falsch. Die Behauptung, Russland hätte Armenien gerettet, wenn Armenien nur loyal geblieben wäre, ist falsch — Russland hat nicht geholfen, als es gebraucht wurde. Die Behauptung, die Kirche sei unpolitisch und werde nur verfolgt, ist falsch — der Catholicos hat eine russische Medaille genommen und sein Bruder hat russische Soldaten gesegnet.

Carnegie fasst es präzise: Viele Armenier würden für irgendjemanden stimmen, nur um Paschinjan loszuwerden. Aber die prorussische Opposition wird diese Frustration wahrscheinlich nicht in einen Wahlsieg verwandeln können.

Das ist der Kern: Die prorussische Welt hat echten Rückhalt — aber keinen konstruktiven Ausweg. Sie bietet Wut, keine Vision.


VI. Was das für das Gespräch heute bedeutet

Karine Hovhannissyan — wenn sie tatsächlich prorussisch ist — wird heute eine Frau sein, die aus echtem Schmerz heraus denkt. Sie wird Paschinjan nicht hassen, weil Russland es ihr gesagt hat. Sie wird ihn hassen, weil für sie Artsakh verloren gegangen ist und jemand dafür verantwortlich ist.

Das verdient Respekt — auch wenn die Schlussfolgerungen falsch sind.

Was sie wahrscheinlich nicht sagen wird: Dass Russland Armenien verraten hat. Dass die OVKS versagt hat. Dass Garegin II. eine russische Medaille genommen hat und sein Bruder russische Soldaten gesegnet hat.

Diese Lücken sind der Ort, wo das Gespräch interessant werden kann — wenn es gelingt, ohne Konfrontation dorthin zu kommen.


von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 8. Mai 2026 · Zimmer 59