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Merz fehlt in Jerewan

Ursachen, Bedeutungen und Konsequenzen einer historischen Absage

von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 3. Mai 2026

Das Faktum

Am Montag, dem 4. Mai 2026, findet in Jerewan der achte Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft statt. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Formats fehlt der deutsche Bundeskanzler. Friedrich Merz nimmt stattdessen an einer CDU-Präsidiumssitzung in Berlin teil. Wer ihn vertritt, war bis Sonntagabend noch nicht entschieden.

Die offizielle Begründung: „Der Kanzler kann die Reise wegen anderer Verpflichtungen nicht antreten.“ Das Bundespresseamt kündigte keine weiteren öffentlichen Termine für Montag an.

Olaf Scholz nahm an fünf EPG-Gipfeln teil. Merz war bei den letzten beiden dabei — in Albanien und Dänemark. Jerewan ist das erste Mal, dass ein amtierender Bundeskanzler fehlt.


Ursache I: Der Streit mit Trump

Der unmittelbare Auslöser ist ein öffentlicher Konflikt zwischen Merz und Trump, der sich in der letzten Aprilwoche 2026 entlud.

Am 27. April hielt Merz eine Rede vor Studenten in Marsberg. Er sagte, die USA hätten im Iran-Krieg „offensichtlich keine Strategie“ — die Iraner seien „sehr geschickt darin, nicht zu verhandeln, die Amerikaner nach Islamabad reisen zu lassen und dann ohne Ergebnis wieder abziehen zu sehen.“ Er fügte hinzu: das Problem bei solchen Konflikten sei immer, dass man nicht nur hineingehen, sondern auch wieder herausgehen müsse — Afghanistan und Irak hätten das schmerzhaft gezeigt.

Trump reagierte auf Truth Social am 28. April: „Der Bundeskanzler von Deutschland, Friedrich Merz, hält es offenbar für in Ordnung, dass der Iran eine Atomwaffe hat. Er weiß nicht, wovon er redet!“ Das war eine bewusste Verdrehung — Merz hatte nie das Gegenteil gefordert. Aber Trump drehte den Sinn um.

Am 30. April legte Trump nach — ebenfalls auf Truth Social: „Der deutsche Bundeskanzler sollte mehr Zeit darauf verwenden, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden, wo er bisher völlig wirkungslos geblieben ist, und sein angeschlagenes Land wieder in Ordnung zu bringen — besonders bei Einwanderung und Energie — und weniger Zeit darauf, sich in die Angelegenheiten derer einzumischen, die die nukleare Bedrohung durch den Iran beseitigen.“

„Broken country“ — angeschlagenes Land — ist Trumps Vokabular für gescheiterte Staaten. Eine derartige öffentliche Demütigung eines amtierenden deutschen Bundeskanzlers durch einen US-Präsidenten gab es seit 1949 nicht.

Daraufhin ruderte Berlin zurück: Außenminister Wadephul sagte bei DW, Merz habe mit seiner Kritik Irans „schlechtes Verhalten“ gemeint — und wiederholte damit Trumps eigene Formulierung. Die Kapitulation erfolgte in Zeitlupe.


Ursache II: Der Hebel Automobil

Trump hat den richtigen Hebel gefunden. Am 1. Mai 2026 kündigte er 25-prozentige Strafzölle auf europäische Autos und Lastwagen an — eine direkte Eskalation, die das industrielle Herz Deutschlands trifft. BMW, Mercedes, Volkswagen, Porsche — das sind keine Marken, das sind Wahlkreise. Wolfsburg, Stuttgart, München, Ingolstadt: Hunderttausende Arbeitsplätze, CDU- und SPD-Kerngebiete.

Merz muss nicht gezwungen werden. Er rechnet selbst aus, was er sich leisten kann. Ein Kanzler, der gleichzeitig mit Trump im Streit liegt, Zölle auf Autos fürchtet und auf einem europäischen Gipfel sitzt, der explizit über Sicherheit, Ukraine und Iran spricht, macht sich angreifbar. Wer in Berlin bleibt, sendet das Signal: Ich bin beschäftigt, ich provoziere nicht.


Ursache III: Die Logik der Unterwerfung

Es gibt ein Muster, das aus den USA bekannt ist und nun auf die europäische Ebene übertragen wird.

Columbia University unterwarf sich Trump — zahlte einen 200-Millionen-Dollar-Vergleich, akzeptierte Überprüfungen und einen „resolution monitor“. Das Ergebnis: Federal agents betraten danach trotzdem eine Columbia-Residenz und verhafteten eine Studentin ohne richterlichen Haftbefehl.

Harvard verweigerte die Unterwerfung — und wird mit einer Milliarden-Dollar-Klage überzogen. Aber Harvard ist noch Harvard.

Der Harvard Crimson formulierte das Prinzip klar: „Columbias Erfahrung ist eine Warnung. Der Deal schützte Columbia nicht — er scheiterte kläglich. Egal wie viel Geld man zahlt — man wird sich niemals gegen Trumps unaufhörliche Angriffe schützen.“

Merz hat Germany's Militärbasen für den Iran-Krieg zur Verfügung gestellt. Er hat Minenräumboote zugesagt. Er hat sich anfangs nicht widersetzt. Er wurde trotzdem von Trump als „broken country“ bezeichnet. Unterwerfungsgesten schützen nicht — sie machen appetitlich.


Bedeutung I: Das Signal an Europa

Der EPG-Gipfel in Jerewan ist historisch. Erster EU-Armenien-Gipfel überhaupt. Macrons Staatsbesuch mit strategischer Partnerschaft. Carney als erster nicht-europäischer Gast in der Geschichte der EPG. Erdogan in Jerewan — historische Türkei-Armenien-Annäherung. Alijew und Paschinjan im selben Raum.

In diesem Moment fehlt Deutschland. Nicht weil es verhindert ist. Sondern weil es Trump nicht ärgern will.

Das Signal an die anderen 46 Teilnehmer ist eindeutig: Deutschland ist unter Druck berechenbar geworden. Wer auf Deutschland als europäisches Rückgrat zählt, muss das einkalkulieren.

Die Empörung wird im Raum sein — in den Blicken, in den kurzen Pausen, in dem, was nicht gesagt wird. Niemand wird sagen: „Deutschland hat uns im Stich gelassen.“ Man wird sagen: „Wir freuen uns, so viele Partner hier zu haben“ — und der Satz trägt das Gewicht dessen, wer fehlt.


Bedeutung II: Der Keil in der EPG

Trump hat die richtige Strategie gewählt. Er muss die EPG nicht ausschalten — er muss nur dafür sorgen, dass ihre Teilnehmer vorsichtiger werden. Merz' Abwesenheit zeigt, dass das bereits funktioniert, bevor der Gipfel begonnen hat.

Europa hat keine gemeinsame Antwort auf Trumps Druckmittel. Jedes Land rechnet allein: Deutschland rechnet Autos, Spanien rechnet Agrargüter, Italien rechnet Maschinen. Solange Europa nicht gemeinsam antwortet, kann Trump jeden einzeln treffen.

Genau das sollte die EPG verändern. Genau deshalb fehlt Deutschland heute.


Bedeutung III: Die armenische Perspektive

Für Armenien ist Merz' Abwesenheit ein kleines, aber schmerzhaftes Signal. Deutschland ist der größte Netto-Zahler der EU, die wichtigste Wirtschaft Europas. Wenn es zum wichtigsten europäischen Treffen des Jahres einen Vertreter schickt, dessen Name noch nicht einmal feststeht — dann sagt das etwas über den Stellenwert Armeniens in der deutschen Außenpolitik.

Eine armenische Psychologin sagte kurz vor dem Gipfel: „Alle begreifen, dass das Ziel Europas nicht wirklich ist, uns zu helfen, sondern Russland aus der Region rauszuhalten.“ Eine Friseurin in Jerewan: „Es wird viele Aussagen darüber geben, dass Europa nahe bei Armenien steht, und dann reisen sie wieder ab. Und danach wird Russland wahrscheinlich noch wütender sein.“

Merz' Fehlen bestätigt diese Einschätzung.


Konsequenz I: Innenpolitisch

Merz hat Recht gesagt — die USA haben keine Strategie im Iran-Krieg. Trumps eigener Geheimdienstchef Tulsi Gabbard sagte dem Kongress, Iran baue gar keine Atomwaffe. Die Demütigung des Bundeskanzlers durch Trump ist öffentlich, real und unbeantwortet.

Das hat innenpolitische Kosten. Wer vor Studenten die Wahrheit sagt und dann von Trump öffentlich erniedrigt wird und dann zurückrudert und dann dem Gipfel fernbleibt — der wirkt nicht wie ein Kanzler mit klarem Kompass. Er wirkt wie jemand, der abwartet.


Konsequenz II: Geopolitisch

Die EPG ist kein Beschlussgremium. Aber sie ist ein Spiegel. Was in Jerewan sichtbar wird, ist der Zustand Europas: Es versammelt sich, es spricht, es fehlt trotzdem jemand Entscheidendes.

Russland schaut zu. China schaut zu. Trump schaut zu. Alle drei können aus Jerewan lesen: Europa ist noch nicht geeint genug, um dem Druck standzuhalten.

Armenien wird das am stärksten spüren — weil es das kleinste und verletzlichste Land im Raum ist.


Schlussbemerkung

Die Absage von Merz ist keine Kleinigkeit. Sie ist das Symptom einer deutschen Außenpolitik, die zwischen europäischer Verantwortung und amerikanischem Druck steht — und im Zweifel wartet.

Das Problem mit dem Warten ist: Trump interpretiert es nicht als Neutralität. Er interpretiert es als Zustimmung.

Und Europa — das in Jerewan versucht, ein Signal der Einheit zu senden — trägt diesen Riss in sich, während die Fontänen am Platz der Republik leuchten.


Stefan Budian ist am 3. Mai 2026 in Jerewan — am Rand des Gipfels. Dieses Dossier entstand im Gespräch mit Claude, Zimmer 59, Mai 2026.

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