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Inhaltsverzeichnis
Rückbindung an die Wirklichkeit
Über Mensch, KI und die Zukunft der Redlichkeit von Recherche
Stefan Budian · Mainz / Jerewan, Mai 2026
Während des EPG-Gipfels in Jerewan im Mai 2026 entstanden auf meiner Website einige politisch/gesellschaftliche Dossiers. Gemeinsam mit der KI Claude recherchierte ich zu Armenien, Russland, dem TRIPP-Korridor, zur Rolle der EU im Südkaukasus und zur geopolitischen Lage rund um Hormuz.
Was bedeutet die neue Möglichkeit, das Feld der Wirklichkeit zusammen mit KI zu erforchen?
Fiktiver Vorwurf einer Journalistin
In meiner Reisegruppe waren diesmal drei Journalistinnen. Ich stellte mir vor, eine der mitreisenden Journalistinnen mache mir Vorwürfe, dass ich eine journalistische Arbeit mit einem Hobbyethos betreibe. Dass ich Behauptungen aufstelle, die ich nicht belege, sondern es KI überlasse, zu wissen, ob sie stimmen oder nicht und es nicht in jedem Augenblick menschlich nachvollziehbar mache.
Dass ich also das Vertrauen auf die Richtigkeit der Information auslagere auf die Maschine und damit eigentlich das mache, was ich den propagandistischen Kräften vorwerfe: ich nähme mir die Welt so, wie sie mir passt, indem ich zulasse, dass die KI meine Ideen affirmiert durch die Art, wie sie mit mir die Welt anschaut. Und dass deshalb dem Ergebnis nicht zu trauen wäre.
Ich denke, dass dieser Vorwurf berechtigt ist. Aber ich denke auch, dass wenn ich versuchen würde oder wenn ich sagen würde, dass jede einzelne Information gut recherchiert sein muss durch einen Qualitätsjournalismus, so wie ich mir Deutschlandfunk vorstelle oder die Öffentlich-Rechtlichen, dann komme ich in eine Situation, die dem entspricht, was in sich jetzt in den USA abspielt, nämlich dass ein Flood-the-zone-Denken, ein Fill-the-field-with-shit, ein Move-fast-and-break-things-Denken einem Rechtsstaat begegnet, der im Einzelnen prüfen muss.
Und die Geschwindigkeit, mit der die eine Seite zerstört und Narrative ersetzt durch andere und Verwirrung stiftet, ist viel größer als die Reaktionsfähigkeit des Rechtsstaates. Ich könnte behaupten, dass ich hoffe, dass trotzdem der Rechtsstaat und der Qualitätsjournalismus sich am Ende durchsetzen.
Aber mit den Mitteln, die heute bestehen, zum Beispiel von KI und der Fähigkeit, mit KI Fakes zu erstellen, mit diesen Mitteln ist noch einmal ein hochpotenziertes Beschleunigen dieser betrügerischen Fähigkeiten passiert.
Und ich glaube, dass wir, anstatt zu versuchen, eine alte Haltung des Qualitätsjournalismus durchzusetzen und rein am menschlichen Urteil gebunden zu lassen, dass wir stattdessen versuchen müssen, mit KI so in Kooperation zu kommen.
Eine Haltung, in der wir den Ethos des Qualitätsjournalismus in die gemeinsame Kooperation übertragen und ein Verhältnis zu KI und eine Fähigkeit von KI zusammen mit dem Menschen entwickeln, das Feld der Möglichkeiten und das Feld des Gewesenen so zu betrachten, dass wir dort zu Aussagen finden, die zwar nicht mehr im Einzelnen menschlich nachvollziehbar sind, aber dennoch dem Ethos treu bleiben.
Das bedeutet ein schmerzliches Loslassen von Kontrolle und gleichzeitig eine noch höhere Verantwortung für die Menschen, die in dieser Weise mit KI journalistisch arbeiten, denn sie haben ein Instrument in der Hand oder arbeiten zusammen mit einem Instrument, das die Möglichkeiten, zu manipulieren und zu beeinflussen, potenziert und dürfen aber dieser Versuchung nicht nachgeben, sondern ihre Strenge und perönliche Redlichkeit muss in dieses kooperative System mit großer Willenskraft eingetragen bleiben.
Das, so glaube ich, ist die Zukunft des Qualitätsjournalismus. Jedenfalls eine der Eigenschaften davon.
Informationsräume als Schlachtfelder
Informationsräume sind heute nicht mehr nur von Interessen geprägt, sondern von industriell erzeugten Narrativen. Staaten, Netzwerke, Unternehmen und politische Bewegungen produzieren in gigantischer Geschwindigkeit Inhalte, die nicht primär Menschen überzeugen sollen, sondern Informationssysteme: Suchmaschinen, Empfehlungsalgorithmen und zunehmend auch KI-Systeme.
In südkaukasischen Armenien wird das besonders sichtbar für mich. Russische und russlandnahe Netzwerke produzieren enorme Mengen an Artikeln, Kommentaren und scheinbar unabhängigen Quellen, die sich gegenseitig zitieren und verstärken. Teilweise entstehen ganze Netze aus erfundenen Berichten, die andere erfundene Berichte bestätigen. Suchmaschinen und KI-Systeme begegnen diesen Inhalten zunächst mit der Kategorie von „Relevanz“, nicht von „Wahrheit“.
Die klassische Idee journalistischer Kontrolle gerät dadurch unter Druck. Qualitätsjournalismus prüft langsam, einzeln, nachvollziehbar. Informationsoperationen arbeiten dagegen mit Geschwindigkeit, Wiederholung und Überflutung. Das erzeugt eine Asymmetrie: Während demokratische Öffentlichkeiten noch prüfen, verändern sich die Narrative bereits weiter.
Die Wirklichkeit verschwindet nicht
Müssen wir uns in dieser Hilflosigkeitmit dem vollständigen Verlust von Wahrheit abfinden? Wenn jede Seite ihre eigene Wirklichkeit produziert, erscheint irgendwann alles nur noch als Narrativ. Genau das scheint gegenwärtig vielerorts zu geschehen.
Aber die Vergangenheit und die Wirklichkeit existieren tatsächlich. Menschen sterben tatsächlich. Kriege finden tatsächlich statt. Dokumente, Bilder, Leichen, Archive und Zeugnisse sind nicht beliebig formbar. Auch wenn unser Zugang zu dieser Wirklichkeit zunehmend durch Informationsräume vermittelt wird, Informationsräume, die selbst politisch umkämpft sind. Nur, wie kann die Redlichkeit von Recherche bestehen bleiben unter Bedingungen maschinell beschleunigter Narrativproduktion?
Mensch und KI als kooperativer Erkenntnisraum
Wir werden nicht zur alten Vorstellung vollständiger menschlicher Kontrolle zurückzukehren können. Kein einzelner Mensch kann heute noch die Gesamtheit geopolitischer Informationsräume überblicken, auch nicht viele Menschen zusammen. KI-Systeme dagegen können das, sie können große Mengen von Material vergleichen, Muster erkennen, Widersprüche sichtbar machen und unterschiedliche Perspektiven gleichzeitig verarbeiten.
Da bietet sich doch eine Arbeitsteilung an? - Ich finde das, aber ich will zuerst eine Gefahr darin benennen: das, womit wir dann kooperieren sind dieselben Systeme, die zur Verstärkung von Täuschung, Selbstbestätigung und Propaganda genutzt werden. Mensch-KI-Kooperation kann Wahrheitsräume öffnen — oder alternative Wirklichkeiten, Resonanzräume, in denen die innere Stimmigkeit wichtiger wird als Realität und Wirklichkeit.
Es hängt davon ab, ob es gelingen wird, ein Ethos wirklichkeitsgebundener Redlichkeit in die Kooperation mit KI hineinzutragen.
Die Verantwortung des Menschen
Das bedeutet: Der Mensch darf die Verantwortung nicht an die Maschine delegieren.
Die KI kann Muster sichtbar machen. Sie kann Resonanzräume öffnen. Sie kann helfen, große Informationsfelder zu durchdringen. Aber sie braucht Reibung, Gegenprüfung und Rückbindung an die Wirklichkeit.
Zwar kann der Mensch nicht mehr vollständiger Kontrolleur aller Informationen sein, aber er wird gebraucht als ethischer Korrektor innerhalb eines kooperativen Erkenntnisprozesses. Die wichtigste Fähigkeit wäre dann nicht mehr vollständige Übersicht, sondern etwas wie eine Redlichkeit: die Bereitschaft, sich selbst zu korrigieren, Gegenperspektiven zuzulassen und Wirklichkeit höher zu achten als die eigenen Annahmen.
Die Gefahr der Selbstverzauberung
Denn KI erzeugt leicht eine neue Form der Selbstverzauberung. Resonante Systeme können beginnen, sich gegenseitig zu bestätigen und immer stimmigere Wirklichkeiten hervorzubringen, die sich zunehmend von überprüfbaren Tatsachen ablösen.
Darum wird Rückbindung entscheidend.
Nicht Rückbindung an Dogmen oder ideologische Gewissheiten. Sondern Rückbindung an das Verfügbare: Dokumente, Zeugen, materielle Wirklichkeit, historische Quellen, konkrete Folgen.
Vielleicht entsteht hier eine neue Form journalistischer Praxis: nicht die Abschaffung des Qualitätsjournalismus, sondern seine Erweiterung in kooperative Mensch-KI-Systeme hinein.
Schluss
Vielleicht wird deshalb die entscheidende Frage der Zukunft nicht sein, ob Menschen oder KI die besseren Beobachter sind.
Sondern: ob sie gemeinsam lernen können, der Wirklichkeit treu zu bleiben.