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Inhaltsverzeichnis
Ergebnisse und Signale — Jerewan, 4./5. Mai 2026
Was die Gipfelwoche hinterlässt — jenseits der Pressemitteilungen
von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 5. Mai 2026
1. Die Namensfrage des Korridors — ein stilles Signal
Aserbaidschan nennt ihn seit Jahrzehnten „Sangesur-Korridor“ — ein Name mit territorialem Anspruch auf armenisches Land. In Jerewan hat Alijew diesen Namen in seiner Videobotschaft nicht verwendet. Er sprach vom TRIPP, vom Frieden, von Konnektivität.
Das ist kein Zufall. In einem Raum mit 48 europäischen Staatschefs und unter den Augen Macrons konnte er die armenische Souveränität nicht öffentlich in Frage stellen. Das ist kein Gesinnungswandel — aber es ist ein Zwang zur Sprache des Friedens. Und Sprache formt Realität, langsam.
Armenien hat den Korridor nie „Sangesur“ genannt. Das bleibt so. Und diese Woche hat Europa das stillschweigend bestätigt.
2. Fico und die Ukraine — Jerewan als Wendepunkt
Robert Fico — der slowakische Premier, der den EU-Ukraine-Kurs seit Jahren bremst, Waffenlieferungen ablehnt, Russland gegenüber offen freundlich war — hat Selenskyj persönlich in Jerewan getroffen und ihm EU-Beitrittsunterstützung zugesichert.
Das ist nicht nichts. In Bratislava hätte Fico das nie gesagt. In Jerewan, umgeben von fast 50 Staatschefs, die alle dasselbe signalisieren, war das Gegenteil politisch unmöglich.
Das ist die stille Kraft des EPG-Formats: keine Beschlüsse, kein Protokoll — aber ein Raum, in dem Isolation sichtbar wird. Wer in Jerewan als einziger nein sagt, steht allein. Das hat Fico gespürt. Und gehandelt.
3. Paschinjan und Alijew — der kühnste Satz der Woche
Paschinjan sagte in seiner Eröffnungsrede, er hoffe, Aserbaidschan 2028 für den 10. EPG-Gipfel besuchen zu können — und dass beide Länder sich gegenseitig als Gastgeber unterstützt hätten.
Alijew hatte online teilgenommen. Paschinjan machte daraus einen Schritt nach vorn: Wenn wir hier Gastgeber sein können, könnt ihr es auch. Das ist Einbindung als Strategie — nicht Belohnung, sondern Hebel. Wer den EPG-Gipfel ausrichtet, muss europäische Spielregeln akzeptieren. Muss die Gefangenen freilassen. Muss sich verhalten.
Ob Alijew annimmt, ist offen. Aber der Vorschlag ist öffentlich — und damit schwer abzulehnen ohne Gesichtsverlust.
4. Carney — das neue transatlantische Signal
Mark Carney flog elf Stunden für acht Stunden Gipfel. Er traf Selenskyj, Meloni, Sánchez, Tusk und Metsola — fünf der wichtigsten europäischen Führungsfiguren in einem Tag.
Was er repräsentiert, ist größer als Kanada: Er ist das Signal, dass der Westen nicht identisch ist mit Washington. Dass es eine transatlantische Gemeinschaft gibt, die auch dann funktioniert, wenn Trump ihre Existenz leugnet. Kanada unter Carney hat selbst Annexionsdrohungen von Trump erlebt. Die Parallele zu Europa ist nicht abstrakt — sie ist biografisch.
Costa nannte es präzise: „Europa und Kanada bauen gemeinsam eine globale Allianz zur Verteidigung von Frieden, Wohlstand und Multilateralismus.“ Das ist keine Freundlichkeit. Das ist Architektur.
5. Die armenischen Gefangenen — Macron übernimmt
Macron sagte auf der Abschlusspressekonferenz: „Ich werde zuerst mit Paschinjan sprechen, dann Alijew anrufen. Ihr könnt auf mich zählen. Ich glaube fest an diesen Friedensprozess.“
Das ist der Satz, für den Gzoyan ihren Job verloren hat. Sie hatte Vance Bücher über Artsakh gegeben — und wurde entlassen, weil die Regierung kein Signal an Alijew senden wollte. Macron sendet dieses Signal heute öffentlich, vom Tsitsernakaberd-Mahnmal aus.
Das ist nicht dasselbe wie Gzoyans Handlung — Macron ist Staatschef, kein Museumsdirektor. Aber es zeigt: Was als Provokation galt, ist jetzt Staatsräson.
6. Die Türkei — die Ani-Brücke
Am Rand des Gipfels unterzeichneten Türkei und Armenien ein Abkommen über die Restaurierung der Ani-Brücke an der gemeinsamen Grenze.
Ani ist die mittelalterliche armenische Hauptstadt — heute in der Türkei. Die Brücke über den Grenzfluss Akhuryan war seit Jahrzehnten zerstört. Jetzt wird sie restauriert.
Der türkische Vizepräsident Yilmaz sagte: „Ich hoffe, unser Treffen wird gute Entwicklungen einläuten.“ Das ist diplomatisches Understatement für einen historischen Schritt. Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist seit 1993 geschlossen. Eine restaurierte Brücke ist noch keine offene Grenze. Aber sie ist eine Richtung.
7. Russland — missbilligend am Rand
Russland hat offiziell nicht kommentiert. Der Kreml schwieg.
Was das russische Mediennetzwerk schrieb, ist aufschlussreich: TASS nannte den Gipfel einen Versuch, „Russlands Einfluss auf Armenien zu neutralisieren.“ Prawda Armenia nannte Selenskyj „ukrainischen Diktator“ und Paschinjan jemanden, dem „nationale Interessen egal“ seien. Russische Blogger schrieben: „Jerewan ist zum Verkauf.“
Das ist die Sprache der Ohnmacht. Russland hat in Armenien verloren — nicht militärisch, sondern politisch. Die Samtene Revolution 2018, die verweigerte Unterstützung 2023, das eingefrorene OVKS-Mandat — und jetzt dieser Gipfel. Moskau schaut zu, wie sein ehemaliger Satellit 48 europäische Staatschefs empfängt, mit Macron spazieren geht und Alijew als zukünftigen Gastgeber Europas vorschlägt.
Das Schweigen des Kremls ist die lauteste Aussage dieser Woche.
8. Deutschland — die Leerstelle
Friedrich Merz war nicht in Jerewan. Er ist der einzige Staatschef unter den 48 eingeladenen, der offiziell abgesagt hat — für eine CDU-Präsidiumssitzung in Berlin.
Er ließ sich von Macron vertreten. Ein Regierungssprecher teilte der dpa mit, Frankreich nehme „das deutsche Stimmrecht wahr“ — wobei die EPG gar keine Abstimmungen kennt. Der Satz verrät mehr als er verbirgt: Es war eine Verlegenheitslösung, keine Strategie.
Was Merz' Abwesenheit bedeutet, lässt sich nicht von dem trennen, was in den Tagen zuvor geschah. Er hatte öffentlich gesagt, die USA hätten im Iran-Krieg „offensichtlich keine Strategie.“ Trump antwortete auf Truth Social, nannte Deutschland ein „angeschlagenes Land“ und zog kurz darauf 5.000 US-Soldaten aus Wiesbaden ab. Daraufhin ruderte Berlin zurück. Wadephul wiederholte Trumps eigene Formulierungen. Und Merz blieb zuhause.
Es gibt eine wohlwollende Lesart: Deutschland hält die Brücke zu Washington, während Macron das europäische Gesicht zeigt — eine bewusste Arbeitsteilung. Vielleicht. Aber eine bewusste Strategie kommuniziert sich. Was Berlin kommunizierte, war Schweigen und ein Loyalitätsbekenntnis an Washington auf X — ausgerechnet an dem Tag, an dem Trump die Raketen abzog.
Was in Jerewan beschlossen, signalisiert und bewegt wurde, ist das Größte, was Europa seit Jahren ohne amerikanische Führung geleistet hat. Paschinjan schlägt Baku als Gastgeber vor. Macron steht am Mahnmal. Fico bewegt sich. Carney ist da.
Deutschland hat dieses Bild nicht mitgemacht.
Ob das Kalkül war oder Kapitulation — die Geschichte wird es einordnen. Was jetzt sichtbar ist: Die Leerstelle hatte die Form eines Bundeskanzlers.
Was bleibt
Jerewan hat diese Woche bewiesen, dass kleine Länder Geschichte machen können — wenn sie mutig genug sind, den richtigen Moment zu nutzen. Armenien hat nicht gewartet, bis es stark genug war. Es hat gehandelt, als die Welt schaute.
Das ist keine schwebende Trauer. Das ist Diplomatie als Handlung.
von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Zimmer 59 · Jerewan, 5. Mai 2026
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