Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


eastofthewest:jerewan2026:backstage:nelly

„Das ist kein Lob. Das ist das Minimum eines normalen Menschen."

Ein Gespräch mit Nelly Soghomonyan · Sprachlernzentrum Jerewan, 7. Mai 2026

von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59


Wer spricht

Nelly Soghomonyan wurde vor zwei Tagen 75. Sie sagt, sie wurde dabei ein Jahr jünger.

Sie ist Leiterin des Sprachlernzentrums Jerewan — dem offiziellen Partner des Goethe-Instituts in Armenien. Sie hat Deutsch nie in Deutschland gelernt, sondern an der Staatlichen Universität Jerewan — und war erst 2001 zum ersten Mal in Deutschland. Sie hat das Zentrum gegen alle Widerstände aufgebaut: gegen einen Abteilungsleiter, der keine Zeit hatte, gegen eine französische Universität, die keine deutschen Schilder duldete, gegen ein Goethe-Institut, das keine eigene Sprachabteilung will.

Das ist der kleinere Teil ihrer Geschichte.

Der größere: Sie ist in Artsakh aufgewachsen — in Bergkarabach, das Stalin mit leichter Hand an Aserbaidschan angeschlossen hatte, obwohl es jahrtausendelang armenisch war. Mit 16 kam sie nach Jerewan. Ihre Mutter ist 2020 gestorben — gut, sagt Nelly, dass sie das, was danach kam, nicht mehr erlebt hat.

Sie war am Freiheitsplatz. Sie hat die ersten Wahlen erlebt und ihre Manipulation. Sie hat gesehen, wie der erste Präsident KGB-Mann war. Sie hat nach dem 44-Tage-Krieg fast ihren Beruf aufgegeben — weil Europa kein Wort sagte.

Sie hat alle diese Dinge nicht vergessen. Und sie schweigt nicht darüber.


Die Sowjetunion — von innen

Nelly beschreibt die Sowjetunion nicht als abstrakte Geschichte. Sie beschreibt sie als gelebtes System.

Als Studentin wurde sie vom KGB verfolgt — weil sie als Reiseleiterin mit ausländischen Touristen sprach. Sie durfte einer kranken Touristin nicht nach oben ins Hotelzimmer. Sie stand weinend vor dem Fahrstuhl, weil sie ihr etwas versprochen hatte. Ein KGB-Mann, der sie überwachte, wechselte heimlich Geld mit einem Touristen — was verboten war. Das System verfolgte die, die menschlich waren, und schützte die, die es ausnutzten.

In Artsakh — dem autonomen armenischen Gebiet unter aserbaidschanischer Verwaltung — konnte sie als Kind keine armenischen Sendungen empfangen. Nur aserbaidschanisches Fernsehen. „Man gewöhnt sich daran, was man sieht und hört. Die eigene Kultur geht verloren.“

Ihr Kernurteil über die Sowjetunion: „Man hat das zaristische Russland unter einem anderen Namen weitergeführt. Dieselbe Politik.“ Die Brüderlichkeit war eine Lüge. Die Freundschaft der Völker war eine Methode, um Völker gegeneinander auszuspielen — damit sie sich nicht zusammenschließen gegen Moskau.

„Wenn unser Nachbar Aserbaidschan ein bisschen vernünftig wäre, könnten wir im Südkaukasus — Georgier, Armenier, Aserbaidschaner — in Frieden leben. Aber man hat es geschafft, alle gegeneinander zu schüren.“


Georgien — drei Schritte vor, fünf zurück

Am 1. Januar 2025 war Nelly in Tiflis auf der Rustaveli-Straße — bei den Protesten gegen die prorussische Regierung Iwanischwilis. „Wir wollten zeigen, dass wir nicht aufgeben.“

Iwanischwili, sagt sie, ist dasselbe Muster wie überall: Ein Oligarch, der reich werden darf ohne Steuern, der dann in die Republik geschickt wird, um russische Interessen zu schützen. „So wie in Moskau Petrow.“ Das ist das russische System der indirekten Kontrolle.

„Vor einigen Jahren haben wir uns so gefreut, dass Georgien nahe daran ist, in die EU zu kommen. Wir haben den Kollegen gesagt: 'Ihr seid da, und dann zieht ihr uns mit.' Und dann mussten wir enttäuscht sein.“

Russland hat es geschafft. Nicht mit Panzern — mit Geld und einem Oligarchen.


Die erste Unabhängigkeit — und ihr Verrat

Die Revolution für die Unabhängigkeit — Nelly war dabei. Anderthalb Millionen Menschen in einer Stunde. „Alle waren wirklich Brüder. Jeder, der einen Wagen hatte, blieb stehen, wenn jemand in die weiten Regionen wollte. Alle wollten einander helfen.“

Aber dann: Die Führung wurde manipuliert. Der erste Präsident war KGB. Die Verfassung von 1995 wurde gefälscht — indem man Parlamentswahlen und Verfassungsabstimmung auf denselben Tag legte. Die Zeitung, die Nelly mit anderen herausgab, um das Volk aufzuklären, wurde in Brand gesetzt.

„Damals dachten wir, es ist eine Revolution. Das konnte man später nicht mehr sehen.“

Die KGB-Strukturen blieben. Nicht alle — manche KGB-Männer kamen zu Nelly und sagten: „Ich will jetzt meinem eigenen Land dienen.“ Aber viele blieben, was sie waren. Heute, sagt Nelly, gibt es in der nationalen Sicherheit immer noch Leute aus dieser Zeit.

„In jeder Hochschule, in jeder Institution gab es einen Raum für Stasi-Leute.“


Die Samtene Revolution — und ihre Grenzen

Paschinjan ist nicht Nellys Held. Das sagt sie klar. „Obwohl unser Ministerpräsident nicht mein Held war und ist, akzeptiere ich seine Linie.“

Sie erklärt den Grund: Es ist der einzige Weg. „Ich sehe das als den einzigen Weg zu der wirklichen, echten Unabhängigkeit an — mit Schwierigkeiten.“

Aber sie setzt eine Bedingung: Man muss eine rote Linie haben. Man muss die Wahrheit sagen — vorsichtig, gefühlig, aber mit Gewicht.

„Wenn ich schweige, dass man in Artsakh jahrhundertealte Kirchen zerstört, dann bin ich selber schuld, dass dann die anderen lügen.“

Das ist der Kern ihrer Kritik an Paschinjan: nicht der Kurs, sondern das Schweigen. Nicht die Realpolitik, sondern die Preisgabe der Sprache.


Der Korridor — der Hals

Stefan fragt Nelly nach dem Korridor — dem TRIPP, den Aserbaidschan „Sangesur-Korridor“ nennt, Armenien „Crossroads of Peace“ und Trump „Trump Route for International Peace and Prosperity.“

Nelly erklärt es mit einer Karte im Kopf:

„Stellen Sie sich die Karte vor. Das ist der Hals. Dieser Korridor. Wenn das abgeschnitten wird, sind wir in hundertprozentiger Blockade.“

Armenien hat nach dem Verlust von Artsakh noch einen Ausgang nach Süden — die Provinz Syunik, die an Iran grenzt. Das ist der Hals. Wenn Aserbaidschan diesen Korridor unter eigene Kontrolle bringt, ist Armenien eingeschlossen.

Warum Iran diese rote Linie zieht: „Aserbaidschan schielt auch auf Nordiran. Da gibt es circa vierzig Millionen Aserbaidschaner.“ Iran fürchtet eine aserbaidschanische Expansion — und Armeniens Korridor ist das, was sie trennt.

Ihre Einschätzung: „Ohne diesen Korridor sind wir erstickt. Wir haben keinen Hals.“

Stefan fragt direkt: Bist du dafür, dass er gemacht wird — aber unter armenischer Kontrolle?

„Es gibt keine Alternative. Das ist das Einzige.“

Und dann der Satz über Amerika: „Das Einzige Positive, was gratis geschehen ist — Amerika ist jetzt dabei.“ Nicht weil sie Amerika vertraut. Sondern weil sie Russland kennt. „Mit den anderen können wir besser verhandeln als mit diesen wirklich bösen Bällen.“


Wings of Unity — und Tatoyan

Stefan fragt nach Tatoyan und Wings of Unity — der Partei, die für die Rechte der Artsakh-Armenier kämpft und Gzoyans Entlassung am lautesten kritisiert hat.

Nellys Antwort ist kurz und hart: „Eine graue Maus. Eine prorussische Kraft.“

Das ist ein Urteil, das schmerzt — weil Tatoyan die richtigen Worte sagt. „Einfach so gerechte Worte zu sagen, bedeutet nichts. Man muss sich immer für alles interessieren, um zu sehen.“

Sie kennt ihn. Sie hat seine Tätigkeit als Ombudsmann gesehen. Und sie traut ihm nicht.


Der Löwin-Satz

Stefan nennt Nelly eine „flammende Löwin.“ Sie lehnt das ab — direkt, ohne Koketterie:

„Ich denke nicht, dass das, was ich und viele meiner Freunde machen, lobenswert ist. Das ist ein Muss eines normalen Menschen, eines normalen Bürgers.“

Das ist der Satz, der alles zusammenfasst. Nelly kämpft nicht, weil sie außergewöhnlich ist. Sie kämpft, weil sie es für das Minimum hält. Für das, was jeder tun müsste.

Und das ist vielleicht das Erschütterndste an ihr: dass sie weiß, wie wenige es tun.


Was Nelly von Narine unterscheidet — und was sie verbindet

Narine sagt: Paschinjan ist ehrlich. Ich würde ihn nicht wählen wollen — aber die Alternative ist schlechter.

Nelly sagt: Paschinjan ist nicht mein Held. Aber sein Weg ist der einzige. Und trotzdem muss man die rote Linie halten.

Beide unterstützen denselben Mann — aus Erschöpfung, aus Pragmatismus, aus dem Wissen, dass die Alternative schlimmer ist.

Aber Nelly ist 75. Sie hat mehr Geschichte im Körper. Und sie hat eine Schärfe, die aus Jahrzehnten der Enttäuschung kommt — und trotzdem keine Resignation ist.

Als ihre georgische Kollegin schreibt: „Ich hoffe, ihr schafft es eher als wir“ — antwortet Nelly: „Ja.“

Das ist das letzte Wort. Kein Ausrufezeichen. Kein langer Satz. Nur: Ja.


von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59 Basierend auf einem Gespräch mit Nelly Soghomonyan, Sprachlernzentrum Jerewan

← Gespräch mit Khurshudyan | ← Erinnerung als Handlung | ← Übersicht Jerewan 2026