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„Wir müssen unsere Gefühle bei uns behalten"

Ein Gespräch mit Hovsep Khurshudyan, Free Citizens NGO Jerewan 4. Mai 2026 · Jerewan · am Rande des 8. EPG-Gipfels

Aufgezeichnet von Stefan Budian · Einordnung von Claude, Zimmer 59


Wer spricht

Hovsep Khurshudyan ist Präsident der Free Citizens Civic Initiatives Support Center NGO in Jerewan — einer der einflussreichsten zivilgesellschaftlichen Stimmen Armeniens. Er ist Mitglied des Lenkungsausschusses des Eastern Partnership Civil Society Forum in Brüssel, Mitglied der EU-Armenien Civil Society Platform, und betreibt den Videoblog „Eakan“ (Wesentlich), der laut eigener Aussage im vergangenen Jahr 14 Millionen Aufrufe erreichte. Vier bis fünf Mal pro Woche gibt er Interviews.

Er spricht aus Überzeugung, mit Humor, und mit der Präzision eines Mannes, der weiß, wen er vor sich hat — und wessen Kanäle für Russland arbeiten könnten.

Das Gespräch fand statt, während im Karen Demirchyan Complex zwei Kilometer entfernt fast 50 Staatschefs tagten.


Über die Jugend und Europa

Khurshudyan erklärt eine überraschende Umfrage: Von 60.000 Armeniern, die eine Petition zur EU-Integration unterzeichneten, gehörte die absolute Mehrheit der mittleren oder älteren Generation — kaum Jugendliche.

Das bedeute nicht, sagt er, dass ältere Menschen europäischer denken. Es bedeute etwas anderes: Sie fühlen das Sicherheitsbedürfnis. Und sie sehen diese Sicherheit in Europa, in der europäischen Präsenz, in der EU-Integration Armeniens.

Die Jugend sei nicht pro-russisch — aber gleichgültig gegenüber Politik. Eine kriminelle Subkultur habe sich verbreitet, die antihumanistische Werte transportiere: Radikalismus, Intoleranz, Homophobie. Diese Kultur mache auch kälter gegenüber Europa.

Was funktioniert, um junge Menschen zu erreichen? Khurshudyan nennt IT als paradoxes Beispiel: Der Großteil der armenischen IT-Fachkräfte sind junge Männer. Sie sind apolitisch — aber sie sind bildungshungrig. Der Schlüssel sei, Bildung mit Sicherheit und Wohlstand zu verbinden. Nicht als Propaganda, sondern als Realität.


Über die Zivilgesellschaft

Die Samtene Revolution 2018 wurde nicht von Parteien gemacht — sondern von der Zivilgesellschaft. Viele der heutigen Regierungsmitglieder kamen aus dieser Zivilgesellschaft. Wenn Khurshudyan heute Vorschläge an die Regierung macht, sitzen dort seine ehemaligen Kollegen — und sagen manchmal unausgesprochen: „Wir wissen auch, was wir brauchen.“

Das ist gleichzeitig eine Stärke und eine Spannung der armenischen Demokratie.


Über den Putsch — ein Augenzeuge spricht

Eine Teilnehmerin fragt: War der Putschversuch nach dem Karabach-Krieg 2020/21 real — oder eine Erfindung Paschinjans?

Khurshudyan antwortet direkt: „Ich war Augenzeuge. Ich habe das alles von innen gesehen. Soll ich meinen Augen glauben oder deutschen Medien?“

Dann entfaltet er die Chronologie:

Nach dem Krieg forderten gleichzeitig: die Generalität Armeniens, die Kirche unter Führung des Catholicos, die Nationale Akademie, der damalige Präsident der Republik — und viele angebliche NGOs. Alle verlangten Paschinjans Rücktritt. Aber nicht neue Wahlen — sondern Machtübergabe an sie. Denn sie wussten: In freien Wahlen würden sie nicht gewinnen.

Paschinjan antwortete: „Nicht ihr habt mich gewählt. Das Volk hat mich gewählt. Ich gebe die Macht dem Volk zurück.“ Er trat zurück — und schrieb Wahlen aus.

Daraufhin flog Lawrow nach Baku. Einen Tag nach Lawrows Besuch marschierte Aserbaidschan in armenisches Territorium ein. Gleichzeitig flogen russische Militärflugzeuge tief über Jerewan — um das Volk einzuschüchtern, damit es nicht auf den Platz kommt.

Das Volk kam trotzdem. Der Putsch scheiterte.

2021 gewann Paschinjan die Wahlen erneut mit Mehrheit — trotz des verlorenen Krieges.

„Otherwise this coup would happen. The people didn't let them to organize this coup. Nobody can stand against the people when the people are on the street.“


Über russischen Einfluss in deutschen Medien

Khurshudyan sagt, Deutschland solle wissen: Russland hat Einfluss auf einige deutsche Parteien und Medien. In Armenien ist dieser Einfluss zehnmal größer. Und diejenigen, die aus Armenien Informationen nach Deutschland liefern, sind häufig selbst Teil dieses Netzwerks.

Als Beispiel nennt er Deutsche Welle: Wenn er sehe, wen Deutsche Welle in Armenien interviewe, möchte er seinen Kopf irgendwohin legen.

Er erzählt dazu einen armenischen Witz: Ein englischer Geheimdienstler wird nach Jerewan geschickt, um Agent Onik zu finden. Er fragt einen Schuhmacher auf der Straße nach dem Blumengeschäft in der Nähe. Der Schuhmacher antwortet: „Meinst du das Geschäft gegenüber von dem Haus, wo Onik wohnt?“

„Small country.“

Das ist kein Witz nur über Armenien. Das ist ein Witz über das Wesen von Nachrichtendiensten in kleinen Ländern — und darüber, wie Transparenz und Verwundbarkeit oft dieselbe Seite einer Münze sind.


Über Gzoyan — das private Gespräch danach

Stefan Budian fragt Khurshudyan nach dem offiziellen Teil noch einmal direkt: Was denkst du über die Entlassung der Direktorin des Genozidmuseums?

Khurshudyan antwortet ruhig und präzise:

„She just appeared herself in bad time, in bad moment, in bad circumstances.“

Er erklärt: Die Regierung musste ein Signal senden — an Alijew, an die Türkei. Der Versöhnungsprozess läuft. Ein Staatsbediensteter darf nicht gegen diese Politik handeln. Gzoyan war klug. Das Buch zu verschenken ist keine große Sache. Aber es war das falsche Buch, zur falschen Zeit, dem falschen Gast gegenüber.

„It is matter of security, you know. It's not matter of job, not matter of feelings.“

Und dann der Satz, der alles zusammenfasst:

„We now should keep our feelings in ourselves.“


Was dieser Satz bedeutet

Khurshudyan ist kein Zyniker. Er ist jemand, der europäische Werte als armenische Werte bezeichnet. Der die Demokratie verteidigt. Der den Putsch von innen erlebt und bekämpft hat.

Und er sagt: Wir müssen unsere Gefühle bei uns behalten.

Das ist nicht Gleichgültigkeit. Das ist die tiefste Form der schwebenden Trauer — wenn jemand, der weiß, was Erinnerung bedeutet, trotzdem sagt: Jetzt ist nicht der Moment.

Das Gewehr ist noch geladen. Der Frieden ist noch brüchig. Artsakh ist verloren, und Alijew fordert schon Westaserbaidschan. In dieser Lage opfert Paschinjan — und opfern seine Unterstützer wie Khurshudyan — Erinnerung für Sicherheit.

Ob das richtig ist, lässt sich nicht von außen urteilen. Was man sagen kann: Es ist eine Entscheidung, die getroffen wird von Menschen, die wissen, was sie opfern.


Das Angebot am Ende

Am Ende des Gesprächs bietet Khurshudyan Stefan Budian an, ihn mit Rektoren und Professoren armenischer Universitäten zu verbinden — für künstlerisch-akademische Zusammenarbeit. Stefan sagt: „Ich spreche mit meiner Frau.“

Doris, die Reiseleiterin, sagt: „Das ist mein Husband.“

Khurshudyan lacht.

Das ist Jerewan am 4. Mai 2026. Mitten im größten diplomatischen Ereignis der armenischen Geschichte sitzt eine deutsche Reisegruppe mit einem der einflussreichsten Zivilgesellschaftler des Landes — und redet über Gerechtigkeit, Erinnerung, Sicherheit und Gefühle, die man bei sich behalten muss.

Und am Ende gibt es Visitenkarten.


Aufgezeichnet und eingeordnet von Stefan Budian und Claude · Zimmer 59 · Jerewan, 4. Mai 2026

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