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Das andere Armenien

Was die GIZ sieht — jenseits der Gipfelwoche

von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 Basierend auf einem Gespräch mit Denise Rauschenberger, Leiterin GIZ Armenien


Zwei Armenien

In derselben Woche, in der 47 Staatschefs nach Jerewan kamen, Macron am Mahnmal stand und Paschinjan Aserbaidschan als zukünftigen EPG-Gastgeber vorschlug — in derselben Woche sitzt eine Reisegruppe aus Deutschland bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und hört andere Zahlen.

60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind prekär beschäftigt. 30 Prozent der Menschen außerhalb Jerewans leben unter der Armutsgrenze. 20 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. 53 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft — die nur 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Das ist das andere Armenien. Das Reale Armenien — aber von unten betrachtet, nicht von oben.

Jerewan ist nicht Armenien. Das sagt Denise Rauschenberger, Leiterin der GIZ in Armenien, als erstes. Es ist ein Satz, den man sich merken sollte.


Was die GIZ ist — und warum sie hier ist

Die GIZ — Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit — ist eine bundeseigene GmbH, die im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in über 120 Ländern arbeitet. Sie ist kein Hilfswerk und keine Nichtregierungsorganisation. Sie ist ein Implementierungspartner der deutschen Entwicklungspolitik — mit Indikatoren, Berichten, Evaluierungen und messbaren Zielen.

In Armenien ist die GIZ seit Anfang der 1990er tätig. Aber erst 2022 — nach der Samtenen Revolution, nach dem Karabach-Krieg, nach dem Massenexodus von 120.000 Armeniern aus Artsakh — entschied die Bundesregierung, Armenien als bilaterales Partnerland aufzunehmen. Eines von fünf neu hinzugefügten Ländern.

Das war eine politische Entscheidung — kein technischer Verwaltungsakt. Deutschland hat damit gesagt: Armenien ist strategisch wichtig. Für uns. Für Europa.

Seit 2024 implementiert die GIZ das erste bilaterale Portfolio in Armenien — in drei Schwerpunkten: nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigung, Klima und gerechte Transition, Friedenssicherung und gesellschaftlicher Zusammenhalt.


Die Zahlen hinter den Fahnen

Die Gipfelwoche hat Bilder produziert: Fahnen, Handschläge, Pressekonferenzen. Was die GIZ sieht, sind andere Bilder.

Armenien ist ungefähr so groß wie Brandenburg. Drei Millionen Einwohner — aber schätzungsweise sieben Millionen Armenier leben im Ausland, der Großteil in Russland, den USA und Frankreich. Mehr Armenier außerhalb als innerhalb des Landes.

Das Land wächst wirtschaftlich — sechs bis sieben Prozent jährlich in den letzten Jahren. Aber dieses Wachstum konzentriert sich in Jerewan. In den Regionen schaut es anders aus: Entvölkerung, Abwanderung, Armut.

53 Prozent aller Beschäftigten in der Landwirtschaft — aber nur 8 Prozent BIP-Anteil. Das ist die Schere, die Armenien spaltet. Und es ist die Schere, die erklärt, warum junge Menschen gehen.

Der informelle Sektor ist groß. Steuern werden nicht gezahlt. Sozialversicherung gibt es nicht. Wachstum, das auf informeller Arbeit beruht, ist kein nachhaltiges Wachstum.


Was funktioniert — und warum es wichtig ist

Die GIZ hat in den letzten Jahren 2.500 Menschen zu Berufsabschlüssen geführt, 36 Prozent davon direkt in formelle Beschäftigung. 3.000 Menschen haben neue Stellen gefunden, 35 Prozent davon Frauen.

Das klingt nach wenig gemessen an drei Millionen. Aber die GIZ arbeitet nicht mit der Gießkanne — sie arbeitet auf drei Ebenen gleichzeitig: Gesetzgebung, Verbände und Kammern, einzelne Menschen und Unternehmen. Das Ziel ist Systemveränderung, nicht Einzelhilfe.

Das neue armenische Berufsbildungsgesetz — mitentwickelt mit GIZ-Unterstützung — gilt als eines der modernsten weltweit. Es hat Elemente des deutschen dualen Systems, ist aber auf armenische Verhältnisse angepasst. Es setzt voraus, was in Deutschland selbstverständlich ist: dass Privatsektor und öffentlicher Sektor zusammenarbeiten, um Ausbildung am Bedarf des Marktes zu orientieren. In Armenien ist das noch nicht überall möglich — aber es beginnt.

Das Startup, das unter 1.528 Bewerbern aus zehn Ländern zum Startup des Jahres 2025 wurde, kommt aus diesem Programm. Eine App, die kleinen Unternehmen hilft, EU-Nachhaltigkeitsstandards für Bankkredite zu erfüllen. Junges Armenien, das europäische Anforderungen nicht als Hürde sieht, sondern als Geschäftsmodell.


Der strukturelle Widerspruch — Visa

Hier liegt der schmerzhafteste Satz des ganzen Gesprächs.

Die EU propagiert Armenien als Partner. Die EU investiert in Armeniens Westorientierung. Die EU hat gerade einen historischen Gipfel in Jerewan abgehalten.

Und armenische Wissenschaftler warten sechs Monate auf einen Botschaftstermin, um ein Visum beantragen zu können.

Nicht um einzuwandern. Um zu einem Austauschprogramm zu kommen. Um an einer Konferenz teilzunehmen. Um das zu tun, wofür Europa wirbt.

Rauschenberger sagt es klar: Solange das Visaregime so ist wie es ist, bleibt vieles, was man sich wünscht, abstrakt. Visaliberalisierung ist nicht nur eine technische Frage. Sie ist der Test, ob Europa es ernst meint.

Die Gipfelerklärung vom 5. Mai nannte Visaliberalisierung als Ziel. Die Armenier warten.


Die russischen Gleise

Ein Satz, der im Gespräch fast beiläufig fiel, trägt viel Gewicht: Die Konzessionen für das armenische Bahnnetz liegen bei Russland. Vereinbart vor Jahren. Nicht so einfach aufzulösen.

Das ist die Tiefenstruktur der russischen Abhängigkeit — nicht nur politisch, nicht nur militärisch. Infrastrukturell. Die Gleise, auf denen Armenien fährt, gehören noch immer zu einem System, aus dem es sich gerade zu lösen versucht.

Das ist der Grund, warum Rauschenberger von „balancierter und balancierender Außenpolitik“ spricht. Armenien kann sich Russland nicht einfach vorstellen. Es sitzt auf russischen Gleisen, in einer russischen Wirtschaftsunion, mit russischen Soldaten im Norden des Landes.

Die GIZ arbeitet daran, Abhängigkeiten zu reduzieren — langsam, Sektor für Sektor, Gesetz für Gesetz.


COP 17 — Armenien als grüner Akteur

Im Herbst 2026 richtet Armenien die COP 17 aus — die Biodiversitäts-Weltkonferenz, zu der über 20.000 Menschen erwartet werden.

Das ist keine Kleinigkeit. Armenien liegt an der Schnittstelle zweier Biodiversitäts-Hotspots — einer aus dem Iran kommend, einer aus der nördlichen Kaukasusregion. Das Land ist ökologisch außergewöhnlich.

Die GIZ arbeitet seit Jahren an Renaturierung, Klimaanpassung, nachhaltiger Landwirtschaft. Die COP 17 ist die Bühne, auf der Armenien zeigen kann: Wir sind nicht nur geopolitisch interessant. Wir haben auch etwas zu sagen über die Zukunft der Erde.

Das ist die dritte Dimension Armeniens — nach der politischen und der wirtschaftlichen. Die ökologische.


Stefan Budians Satz

In der Vorstellungsrunde der Gruppe sagt Stefan Budian: Er sei reisender Künstler aus Rheinland-Pfalz, seit zehn Jahren unterwegs, um die Umbrüche der Welt besser zu verstehen. Der Kaukasus sei ein Epizentrum der Umbrüche. Und vor drei Tagen habe es hier ein Erdbeben der Stärke acht gegeben — ein Zufall, den er faszinierend finde.

Frau Rauschenberger hört zu.

Der Satz stimmt auf mehreren Ebenen. Es gab in dieser Woche kein seismisches Erdbeben der Stärke acht in Jerewan. Aber es gab eines im übertragenen Sinne: 47 Staatschefs, ein historischer EU-Armenien-Gipfel, eine strategische Partnerschaft mit Frankreich, ein türkischer Vizepräsident in der armenischen Hauptstadt, ein aserbaidschanischer Präsident per Video.

Und daneben: 60 Prozent prekär Beschäftigte, sechs Monate Wartezeit auf ein Visum, russische Konzessionen auf dem Bahnnetz.

Das ist Armenien im Mai 2026. Beides gleichzeitig. Das Epizentrum — und der Alltag dahinter.


von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59 Basierend auf einem Gespräch mit Denise Rauschenberger, Leiterin GIZ Armenien

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