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ludwig:stimmen:betende_frau

Dies ist eine alte Version des Dokuments!



Die betende Frau – erfundene Figur

Ksany / Ksany-Kolonia, damalige Woiwodschaft Kielce, 8. September 1939

entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und ChatGPT (KI) mit Suno (KI), August 2026


Lied der betenden Frau: Texte


Was wir über sie wissen

Wir kennen ihren Namen nicht. Vielleicht hieß sie Maria. Vielleicht Zofia oder Agnieszka. Ludwig Breining hat ihn nicht aufgeschrieben. Von ihrem Leben ist in seinem Feldtagebuch nichts überliefert – außer einigen Minuten am Abend des 8. September 1939.

Wenn sie aus Ksany oder der unmittelbaren Umgebung stammte, war sie sehr wahrscheinlich Polin und römisch-katholisch. Der polnische Zensus von 1921 verzeichnete für Ksany 545 Einwohner; alle wurden dort als römisch-katholisch und polnischer Nationalität geführt. Achtzehn Jahre später beweist das selbstverständlich nichts über diese einzelne Frau. Auch wissen wir nicht, ob sie überhaupt aus dem Dorf kam. Es beschreibt nur die Welt, zu der sie gehört haben könnte.1)

Vielleicht war sie dreißig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Vielleicht hatte sie Kinder. Vielleicht wartete irgendwo jemand auf sie. Vielleicht war ihr Haus beschädigt worden, vielleicht stand es noch. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, beginnt erst inmitten des Krieges.

Der 8. September 1939

Am 8. September 1939 wurde im Raum Ksany und Ksany-Kolonia schwer gekämpft. Teile des polnischen 11. Infanterieregiments der Armee „Kraków“ verteidigten das Gebiet gegen die vorrückenden deutschen Truppen. Ksany-Kolonia brannte; am späten Nachmittag mussten sich die polnischen Verteidiger zurückziehen. Auch die Erinnerungsschrift von Ludwigs eigener Kompanie bezeichnet diesen Abschnitt ihres Vormarsches ausdrücklich mit „Ksany am 8. September 1939“.2)

Ludwig lag mit seinem Gewehr in Stellung. Sein Unteroffizier und Freund Eckstein war schwer getroffen worden und lag hinter ihm im Sterben. Noch immer fielen Schüsse.

Die Begegnung

In der Dämmerung sah Ludwig eine Frau die Straße entlangkommen. Er misstraute ihr. Nach den Kämpfen dieses Tages hielt er selbst eine einzelne Frau für eine mögliche Gefahr. Er rief ihr zu, stehenzubleiben. Als sie weiterging, rief er ein zweites Mal: „Halt, oder ich schieße!“

Die Frau ging weiter.

Wir wissen nicht, ob sie ihn verstand. Wir wissen nicht, ob sie ihn überhaupt hörte. Vielleicht hatte sie Angst. Vielleicht war sie erschöpft. Vielleicht war etwas anderes in diesem Augenblick wichtiger als der Soldat mit dem Gewehr.

An einer Ecke erkannte Ludwig ein Heiligenbild. Die Frau blieb dort stehen, wandte sich zur Wand und kniete nieder. Später nennt Ludwig den Ort ein Kreuz. Welche Form dieses Heiligenbild oder Kreuz genau hatte, wissen wir nicht. Stumm und „ganz in sich versunken“, so beschreibt er sie, begann die Frau zu beten.

Ludwig beobachtete sie. Hinter ihm lag sein sterbender Kamerad. Vor ihm kniete diese Frau.

Was wir nicht wissen

Was sie betete, wissen wir nicht. Vielleicht bat sie darum, dass ihre Familie lebte. Vielleicht betete sie für einen Verwundeten. Vielleicht für die Toten. Vielleicht für sich selbst. Vielleicht sprach sie ein Gebet, das sie seit ihrer Kindheit kannte und das keiner Erklärung bedurfte. Vielleicht betete sie auch gar nicht für etwas. Vielleicht war das Knien selbst das Einzige, was ihr noch möglich war.

Ludwig schrieb, das Bild habe ihn „eigenartig berührt“. Er konnte die Frau sehen, aber er wusste nichts über sie. Für einen kurzen Augenblick trat sie dennoch aus der Landschaft hervor, durch die seine Einheit kämpfend zog.

Dann wurde es Nacht. Ludwig notierte: „Noch immer kniet die Frau am Kreuz.“

Danach verliert sich ihre Spur. Wir wissen nicht, wann sie aufstand. Wir wissen nicht, wohin sie ging. Wir wissen nicht, ob sie den Krieg überlebte.

Die erfundene Stimme

In unserem Projekt bleibt sie deshalb die betende Frau. Ihre Biografie ist keine Rekonstruktion eines dokumentierten Lebens. Sie ist eine künstlerische Annäherung an einen Menschen, von dem die Geschichte fast nichts bewahrt hat.

Im Lied bekommt sie mögliche Namen und eine mögliche Erinnerung. Dort spricht sie von einem Vater, von einem Kind, von einem vertrauten Kreuz und schließlich davon, dass sie nicht um den Sieg betet, sondern darum, nicht zu vergessen, wer sie ist. Auch das wissen wir nicht. Vater und Kind sind keine historischen Angaben. Sie gehören zur erfundenen Stimme.

Ludwigs Feldtagebuch erzählt den Krieg aus der Sicht eines überzeugten deutschen Soldaten. Für wenige Zeilen erscheint darin eine Frau, die nicht marschiert, nicht befiehlt, nicht schießt und keinen Sieg beschreibt.

Sie kniet. Und bleibt. Bis es dunkel wird.

Zur Entstehung der Figur

Die Suche nach der betenden Frau beginnt mit einem Paradox: Über sie selbst wissen wir fast nichts. Je genauer wir jedoch die Welt um sie herum betrachten, desto weniger beliebig wird unsere Vorstellung davon, wer sie gewesen sein könnte.

Ksany am 8. September 1939

Der Ort lässt sich inzwischen recht gut bestimmen. In der Erinnerungsschrift der 1. Kradschützen-Kompanie des Schützen-Regiments 13, zu der Ludwig gehörte, trägt ein eigener Abschnitt die Überschrift „Ksany am 8 September 1939“. Polnische Darstellungen derselben Kämpfe berichten, dass an diesem Tag das 11. polnische Infanterieregiment im Raum Ksany heftigen Widerstand gegen deutsche Panzertruppen leistete. Besonders Ksany-Kolonia stand im Zentrum der Kämpfe und brannte. Am späten Nachmittag begann der polnische Rückzug. Ludwigs Begegnung mit der Frau in der Dämmerung fügt sich damit sehr genau in den von polnischen und deutschen Quellen beschriebenen Ablauf ein.3)

Eine polnisch-katholische Lebenswelt

Auch über die Bevölkerung des Dorfes lässt sich etwas sagen. Die Volkszählung von 1921 verzeichnet für Ksany 545 Menschen. Alle wurden als römisch-katholisch und zugleich als polnischer Nationalität erfasst. Die Volkszählung lag achtzehn Jahre vor der Begegnung und sagt selbstverständlich nichts über die Herkunft dieser konkreten Frau. Sie macht aber eine Zugehörigkeit wahrscheinlich: Falls sie eine Einwohnerin von Ksany war, dürfen wir uns ihre soziale und religiöse Welt zunächst als die einer polnischen katholischen Landbevölkerung vorstellen.4)

Für diese Welt war Religion nicht nur eine Angelegenheit des sonntäglichen Gottesdienstes. Untersuchungen zum religiösen Leben der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung der damaligen Region Kielce beschreiben die Pfarrei als Zentrum einer lokalen Gemeinschaft. Besonders wichtig waren überlieferte religiöse Praktiken: Gebete, Prozessionen, Marienverehrung, Rosenkranz, Wallfahrten und die religiösen Handlungen des Alltags. Glauben wurde nicht notwendig theologisch erklärt; er wurde getan.5)

Dadurch verändert sich auch unser Blick auf die Frau. Dass sie mitten in einer zerstörten Ortschaft zu einem Heiligenbild oder Kreuz geht und dort niederkniet, muss keine außergewöhnliche religiöse Handlung und keine demonstrative Geste gewesen sein. Vielleicht tat sie etwas, das sie schon unzählige Male getan hatte. Außergewöhnlich war nicht das Gebet. Außergewöhnlich war die Welt, in der sie es an diesem Abend verrichtete.

Das Kreuz und die Erinnerung an 1914

Zu Ksany gehört außerdem eine ältere Kriegserinnerung. Das Dorf war schon im September 1914 während der Kämpfe des Ersten Weltkriegs schwer zerstört worden und hatte gebrannt. Eine steinerne religiöse Figur beim damaligen Schulplatz wurde 1928 nach der Kriegszerstörung „vom Fundament auf“ wiederhergestellt; auf Kosten des Dorfes wurde ihr ein Kreuz hinzugefügt. Nach der lokalen Überlieferung verstanden die Bewohner dies als Dank für die Rettung ihres Lebens. Außerdem ist in Ksany eine Marienfigur am Straßenrand dokumentiert.6)

Wir wissen nicht, ob eines dieser religiösen Zeichen dasjenige war, vor dem die Frau 1939 kniete. Es wäre falsch, beide einfach gleichzusetzen. Aber die Entdeckung verändert den Möglichkeitsraum der Figur. Ein Kreuz, das Krieg, Brand und Wiederaufbau bereits in sich trug, gehörte tatsächlich zur Landschaft dieses Dorfes.

Wenn die betende Frau 1939 etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt gewesen wäre, könnte sie zudem die Zerstörung von 1914 als Kind oder junge Frau selbst erlebt haben. Auch das wissen wir nicht. Aber plötzlich erhält die erfundene Liedzeile „Ich kenne dieses Kreuz schon lange“ eine historische Möglichkeit: Eine Frau in Ksany konnte tatsächlich vor einem religiösen Zeichen stehen, das bereits mit der Erinnerung an einen früheren Krieg verbunden war, während ihr Dorf ein zweites Mal brannte.

Serdeczna Matko – der musikalische Bezugsraum

Bei der musikalischen Gestaltung stellte sich deshalb die Frage, welche Klangwelt zu einer solchen Frau gehört haben könnte. Für das Lied wurde als Orientierung die polnische Marienhymne Serdeczna Matko gewählt. Diese Entscheidung erwies sich bei der Recherche als historisch gut begründbar.

„Serdeczna Matko, opiekunko ludzi“ ist keine moderne folkloristische Erfindung. Die Hymne ist bereits 1838 im Śpiewnik kościelny von Michał Marcin Mioduszewski gedruckt. Sie gehörte damit lange vor 1939 zum polnischen katholischen Liedrepertoire. Dass ihre Melodie damals weithin bekannt war, zeigt ein besonders schöner kleiner Beleg: Noch 1939 wurde in Tarnów ein anderes religiöses Lied mit der Anweisung gedruckt, es sei „na nutę Serdeczna Matko“ – also einfach „auf die Melodie von Serdeczna Matko“ zu singen. Eine solche Angabe funktioniert nur, wenn die Melodie beim angesprochenen Publikum vorausgesetzt werden konnte.7)

Zugleich hatte diese Melodie eine politische Nebenbedeutung. Sie ist eng mit der Melodie von Boże, coś Polskę verbunden, einer der wichtigsten polnischen religiös-patriotischen Hymnen. Während der deutschen Besatzung wurde deshalb nicht nur Boże, coś Polskę verboten, sondern 1941 ausdrücklich auch Serdeczna Matko in dieser Melodie. Die Besatzungsbehörden hatten verstanden, dass in einem religiösen Lied zugleich nationale Erinnerung hörbar werden konnte.8)

Wenn unser Lied musikalisch an Serdeczna Matko erinnert, behaupten wir damit nicht, dass die Frau am 8. September 1939 dieses Lied gesungen habe. Ludwig schreibt überhaupt nicht, dass sie sang. Vielleicht sprach sie einen Rosenkranz. Vielleicht ein vertrautes Mariengebet. Vielleicht bewegten sich ihre Lippen kaum. Vielleicht war sie vollkommen stumm.

Die Musik versucht deshalb nicht, ihr tatsächliches Gebet zu rekonstruieren. Sie sucht nach einer Klangwelt, aus der dieses Gebet gekommen sein könnte: eine schlichte polnische katholische Marienfrömmigkeit, vertraut, gemeinschaftlich, nicht konzertant und nicht exotisch – eine Melodie, die man kennen konnte, ohne Musikerin zu sein.

Die Grenze der Erfindung

Gerade deshalb möchten wir die betende Frau nicht weiter „ausfüllen“. Wir könnten ihr einen Nachnamen, ein Geburtsjahr, einen Ehemann, einen Hof und eine Familiengeschichte geben. Historisch wäre fast alles davon möglich. Aber mit jeder solchen Festlegung würden wir zugleich etwas von dem verlieren, was die wirkliche Quelle uns hinterlassen hat.

Wir wissen nicht, wer sie war.

Wir wissen nur, dass ein deutscher Soldat ihr mit dem Gewehr gegenüberlag und ihr befahl stehenzubleiben.

Und dass sie weiterging.

Wir wissen, dass sie sich vor einem Heiligenbild oder Kreuz niederkniete.

Und wir wissen, dass Ludwig, der an diesem Tag gekämpft, geschossen und den Krieg aus der Perspektive seines eigenen Glaubens erzählt hatte, plötzlich auf diesen stillen Menschen vor sich aufmerksam wurde.

Als es dunkel war, kniete sie noch immer dort.

Vielleicht reicht das.

1)
Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej: Skorowidz miejscowości, województwo kieleckie, Ergebnisse der Volkszählung 1921.
2)
Gmina Opatowiec: Darstellungen zur Septemberkampagne 1939 in Ksany; IPN BU 2972/8, Erinnerungsalbum der 1. Kradschützen-Kompanie, Schützen-Regiment 13.
3)
IPN BU 2972/8; Gmina Opatowiec: Kampania Wrześniowa 1939.
4)
Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej: Volkszählung 1921, Ortsverzeichnis der Woiwodschaft Kielce.
5)
Regina Renz: Religia rzymskokatolicka w życiu społeczności lokalnej w okresie międzywojennym, Perspektywy Kultury 36/2022.
6)
Gmina Opatowiec: Geschichte des Dorfes Ksany und der Kriegsereignisse 1914–1945.
7)
Michał Marcin Mioduszewski: Śpiewnik kościelny, Kraków 1838; Biblioteka Narodowa: Pieśń na cześć św. Andrzeja Boboli, „na nutę Serdeczna Matko“, Tarnów 1939.
8)
Biblioteka Narodowa: Pieśni Niepodległości; Akten der deutschen Besatzungsverwaltung zum Verbot von „Boże coś Polskę“ und „Serdeczna Matko“, 1941.