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Ludwig – Überfall und Überzeugung
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Ludwig - Überfall und Überzeugung
Ein zivilgesellschaftliches Kunstprojekt von Stefan Budian (Mainz)
Der Ausgangspunkt
Im Sommer 2024 gab mir meine Mutter das Feldtagebuch meines Großvaters, Ludwig Breining (1911-1940). Er war Lehrer in Kaiserslautern, SA-Sturmführer, und als Wehr-machtssoldat am Überfall auf Polen beteiligt. Dort schrieb er das Tagebuch, detailliert, persönlich, verstörend nah. In meiner Familie wurde es über Jahrzehnte nicht ange-schaut, meine Mutter hat es nie gelesen.
Die Frage
Mir geht es nicht darum zu verurteilen – das Urteil steht fest –, sondern zu verstehen, wie ein Mensch, der mir nach dem Klang seiner Worte idealistisch und empathisch erscheint, zu dem Täter werden konnte, der er in Polen war. Wer sich gegen Propaganda immunisieren will, muss begreifen, wie sie wirkt. Die Vorstellung, es seien einfach böse Menschen gewesen, schützt nicht vor Wiederholung. Deshalb der Doppeltitel: Überfall und Überzeugung. Beide Seiten müssen betrachtet werden.
Das Wandelbild
Meine künstlerische Methode zeigt sich bei den Mal-Aktionen im öffentlichen Raum, bei denen ich ein Ölbild immer wieder übermale und fotografisch dokumentiere; daraus entsteht ein Film, der die einzelnen Malschichten bewahrt und den Malprozess nachvollziehbar macht. Die erste öffentliche Mal-Aktion fand im April 2026 in Kaiserslautern statt, an dem Platz, an dem mein Großvater 1935 in einem SA-Propagandazug marschierte; Deutschlandfunk Kultur hat darüber berichtet: (Zum Deutschlandfunk Interview)
Die ungehörten Stimmen
Im Feldtagebuch werden Menschen am Rande des Geschehens erwähnt, denen Ludwig keine weitere Aufmerksamkeit schenkte und die in den meisten Fällen Opfer der Invasion waren. In Liedern gebe ich ihnen eine Stimme, als notwendiger Kontext und Gegenklang zum Feldtagebuch. Es sind sorgfältig recherchierte fiktive Figuren, eine Art Zusammenschau oder „Konzentrat“ aus vielen Einzelschicksalen, die durch die Musik auch emotional erlebbar werden. Dabei arbeite ich mit Künstlicher Intelligenz.
Zwei Lieder sind bisher veröffentlicht: über Emil, ein Gewerkschafter, der im KZ Osthofen in Haft war, und über Schmuel, ein galizischer Jude, der mit der Entscheidung ringt, mit seiner Familie ins Exil zu gehen oder zu bleiben.
Das parallele Reisetagebuch
87 Jahre nach dem Überfall fahre ich die Route des Feldtagebuchs nach: beobachtend, malend, schreibend, fragend. An verschiedenen Orten fertige ich bei öffentlichen Mal-Aktionen weitere Übermalungen an; meine Eindrücke und Gedanken halte ich in einem eigenen parallelen Tagebuch fest, als eine Antwort zum Feldtagebuch in derselben Form. Ludwig schrieb, ohne zu wissen, was aus den Geschehnissen, an denen er teilnahm, wurde. Ich schreibe mit historischem Abstand an denselben Orten und weiß es.
Ludwigs Weg beim Überfall 1939: https://stefanbudian.de/ludwig/ludwig_route
Ausblick
Am Ende wird es ein vielfach übermaltes Ölbild, einen Malereifilm, einen Liederzyklus der „ungehörten Stimmen“ und mein eigenes Reisetagebuch geben. All dies soll in geeigneter Weise veröffentlicht werden, z.B. in Ausstellungen, bei Veranstaltungen, als Buch bzw. E-Book (evtl. mit Auszügen aus dem Feldtagebuch).
Das Feldtagebuch selbst soll einem Archiv übergeben und einer wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich gemacht werden.
Dank
Das Projekt wäre ohne die Unterstützung der Heinz-Walter-Menke-Stiftung nicht realisierbar. Ihre Förderung schafft die Grundlage für eine kulturell bedeutende Arbeit, die über das individuelle Erleben hinaus einen gesellschaftlichen Beitrag zur Erinnerungskultur im deutsch-polnischen Raum leistet – offen, differenziert und reflektierend.