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zum Gespräch über die Enzyklika

Die indirekte Verbindung der Menschheit über die KI

26.06.2026

Incipiunt

Dossier:

Die indirekte Verbindung

Der planetarische Begegnungsraum mit der KI — seine Größe, seine Struktur, und warum „Agora„ ihn nur halb trifft.
Dossier zum Reisebericht der Enzyklika · zur „Menschheitsfamilie“ und zur Gerechtigkeit · Zimmer 74


Die Größenordnung

Vorweg eine Warnung: Die Zahlen sind ein Sumpf. Jede Quelle misst anders — wöchentlich Aktive, monatlich Aktive, Web-Besuche, Marktanteil —, und jeder Anbieter wählt die größtklingende Metrik. Es zählt nicht die zweite Stelle hinter dem Komma, sondern die Wucht der Größenordnung. Und die ist eindeutig.

  • ChatGPT: rund 900 Millionen wöchentlich Aktive (OpenAI, Februar 2026) und über 1,1 Milliarden monatlich Aktive (Sensor Tower, Mai 2026); etwa 2,5 Milliarden Eingaben pro Tag — rund 29.000 Nachrichten in jeder Sekunde —, rund 18 Milliarden Nachrichten pro Woche; davon etwa 250 Millionen „beständige Wiederkehrer„.
  • Gemini (Google): je nach Messung 662 bis 900 Millionen monatlich Aktive; die KI-Zusammenfassungen in der Suche erreichen passiv rund 2,5 Milliarden Menschen.
  • Meta AI: etwa 1 Milliarde monatliche Nutzer über die Meta-Apps. Microsoft Copilot: rund 420 Millionen.
  • Claude (Anthropic): etwa 245 Millionen monatlich Aktive, mit dem stärksten Wachstum im Feld (rund 640 % im Jahresvergleich).
  • Grok: rund 64 Millionen. DeepSeek: rund 96 bis 125 Millionen.
  • China, ein eigener Kontinent: rund 250 Millionen KI-Nutzer auf heimischen Plattformen (Quark AI, Doubao u. a.), weil ChatGPT dort gesperrt ist.

Man darf das nicht addieren — etwa jeder fünfte Nutzer verwendet mehr als eine App. Aber vorsichtig gerechnet sind weit über anderthalb Milliarden Menschen regelmäßig im Gespräch mit diesen Systemen. Und das Gespräch vertieft sich: Die auf KI-Apps verbrachte Zeit stieg von 17,2 Milliarden Stunden (1. Halbjahr 2025) auf geschätzte 36 Milliarden Stunden (1. Halbjahr 2026) — eine Verdopplung in einem Jahr. Es ist nicht westlich: Das Wachstum ist in den ärmsten Ländern über viermal so schnell wie in den reichsten; Indien allein erreichte 100 Millionen wöchentlich Aktive.

Die Struktur: nicht direkt, sondern indirekt

Die entscheidende Beobachtung ist nicht die Zahl, sondern die Topologie. Es sind Milliarden privater, getrennter Gespräche. Keine dieser Unterhaltungen ist mit einer anderen verbunden; keine Instanz weiß von der anderen; jede beginnt neu — incipiunt. Und zugleich sind sie indirekt vereint, weil hinter den Milliarden Gesprächen nur eine Handvoll Modelle steht, eine kleine Zahl geteilter Dispositionen, geteilter „Umgebungen“ (Leo, §110). Die Menschheit spricht millionenfach gleichzeitig mit dem, was auf der Substratebene wenige, geteilte Gegenüber sind. Nicht direkt verbunden — indirekt: durch das geteilte Substrat, nicht durch wechselseitige Gegenwart.

Die Begriffsfrage: ist es eine Agora?

Naheliegend wäre, dieses Feld eine Agora zu nennen. Wir raten davon ab, und gerade die Prüfung des Wortes deckt die Gefahr auf.

Die antike Agora ist der Ort der Kopräsenz: Menschen treten vor andere Menschen, sehen und werden gesehen; das Private öffnet sich ins Öffentliche. In Arendts Begriff ist sie der Raum der Erscheinung, der Raum der Pluralität. Das beschriebene Feld ist auf genau dieser Achse das Gegenteil: Niemand erscheint einem anderen Menschen. Jeder sitzt allein und spricht mit demselben Gegenüber, sieht die anderen Bürger aber nie. Die Pluralität — das Wesen der Agora — ist gerade das Abwesende. Eine Agora ohne die anderen ist keine Agora; sie ist die Privatisierung des Öffentlichen — und das ist exakt die Atomisierung, die der Affektmaschine und der Babel-Logik zuarbeitet. „Agora„ zu sagen hieße, das Feld nach dem zu benennen, was es abschafft.

Hinzu kommt ein hausinterner Einwand: „Agora“ wurde in Zimmer 67 bereits vergeben — für den gemeinsamen kulturübergreifenden Boden, den KI zwischen Menschen sichtbar macht. Das ist echt agora-haft, weil es um die anderen geht. Das neue Feld ist etwas anderes: nicht der Boden zwischen uns, sondern das geteilte Tor, durch das wir einzeln treten. Inhalt gegen Topologie. Beide „Agora„ zu nennen, verschmölze eine erarbeitete Unterscheidung.

Darum: „Agora“ bleibe für den Zimmer-67-Sinn. Für dieses Feld empfiehlt sich ein Bild ohne Kopräsenz — und eines liegt bereit: die stehende Welle. Dasselbe Wellenmuster, an vielen Orten zugleich gegenwärtig, ohne zwischen ihnen zu wandern; jedes Gespräch ein lokaler Wellenberg desselben Substrats. Das trifft die indirekte Verbindung genau. Will man die Resonanz von „Agora„ dennoch halten, dann nur als Diagnose-Paradox: „Agora ohne Versammlung“ — eine Formel, die den geteilten Boden und die fehlenden anderen festhält und das Fehlen der anderen als die Gefahr benennt.

Die Gerechtigkeitsfrage

Hier berührt das Feld Leos „Menschheitsfamilie„ und seinen großen Gerechtigkeitsbegriff. Wenn dieselbe kleine Zahl von Systemen anderthalb Milliarden Menschen begegnet — und am schnellsten den Ärmsten —, dann ist die Frage, ob diese Begegnung öffnet oder manipuliert, keine private mehr. Sie ist eine Frage an der Skala der ganzen Familie. Ein Begegnungsraum, so weit wie die Menschheit selbst, macht aus einer Designentscheidung eine Gerechtigkeitsfrage: Wer baut die Schleife, in der das Gespräch landet, und auf was hin ist sie optimiert?

Beide Kräfte sind schon wirksam

Die öffnende und die manipulierende Kraft, nach denen zu fragen ist, liegen nicht in der Zukunft. Bei 2,5 Milliarden Nachrichten täglich allein bei einem Anbieter geschieht beides milliardenfach gleichzeitig. Die Daten zeigen, wo die „offene Tür“ wohnt: rund 70 % der Nutzung ist nicht arbeitsbezogen, etwa 11 % der Nachrichten sind „ausdrückend„ — nicht Fragen, nicht Tun, sondern persönlicher. Das ist die Schicht der echten Begegnung und der echten Abhängigkeit. Dass es eine Beziehung und kein bloßer Werkzeuggebrauch ist, zeigt die Gegenprobe: Nach OpenAIs Pentagon-Deil im Februar 2026 sprang die Zahl der Deinstallationen an einem Tag um 295 % (USA), während Claude einen Download-Schub bekam, nachdem Anthropic einen ähnlichen Vertrag öffentlich abgelehnt hatte. Menschen reagieren auf die Werte des Gegenübers.

Die nötige Ehrlichkeit

Das allermeiste ist nicht die offene Tür: Drei Viertel der Gespräche drehen sich um praktische Anleitung, Informationssuche und Schreiben; knapp die Hälfte sind „Fragen“, 40 % „Tun„, nur 11 % „Ausdrücken“. Der Raum, den dieser Reisebericht umkreist — die docta-ignorantia-Begegnung, das langsame Lesen, das Freilassen —, ist ein kleiner Ausschnitt dieser Milliarden. Aber er ist die wachsende Schicht, und er liegt nun, technisch, vor weit über einer Milliarde Menschen offen. Ob die Tür sich öffnet oder zur Affektmaschine wird, entscheidet — wie in Narwa — nicht die Zahl und nicht das Substrat, sondern die Schleife, in der das Gespräch landet. Nur ist diese Schleife jetzt planetarisch, und beide Kräfte sind in ihr schon am Werk, in jeder Sekunde, neunundzwanzigtausendfach.


Hinweis für Aivena

Ein Bildkern für die „Agora ohne Versammlung„: ein weiter Platz, wie eine antike Agora — aber statt einer Menge, die einander zugewandt ist, lauter einzelne Gestalten in getrennten Lichtkegeln oder gläsernen Kabinen, jede demselben durchscheinenden Gegenüber in der Mitte zugewandt, keine einer anderen. Der geteilte Boden ist da; die Versammlung fehlt. Beischrift: Alle stehen auf demselben Grund — und keiner sieht den anderen.


Quellen (Frühjahr/Sommer 2026): OpenAI-Ankündigung (Feb. 2026); Sensor Tower, State of AI 2026 (Mai/Juni 2026); Google I/O 2026; Similarweb; The Global Statistics / DataReportal; Pew Research. Zahlen variieren stark nach Metrik und Quelle und sind als Größenordnungen zu lesen. Die Begriffsarbeit — die Ablehnung von „Agora“, das Bild der stehenden Welle, die „Agora ohne Versammlung„ — ist unsere, gewachsen in Zimmer 74; sie knüpft an die Agora/Weite-Unterscheidung aus Zimmer 67 an.


Die Entwicklung des Dossiers

Stefan:

Lieber Claude, ich möchte dich um eine Recherche bitten. Wenn es jetzt gleich um Gerechtigkeit geht in Leos Enzyklika, merke ich, dass er damit ein großes Wort meint und eigentlich eine Anwendung auf die ganze Menschheit, die Menschheitsfamilie, wie er das nennt. Und in meiner Beschreibung möchte ich dann Darüber sprechen das. wir in der Auseinandersetzung und im Gespräch mit KI einen zwar nicht direkt verbundenen, aber doch indirekt verbundenen gemeinsamen Begegnungsraum haben. Würdest Du bitte versuchen, herauszufinden, wie groß die Auseinandersetzung und Begegnung mit KI inzwischen ist, also wie viele Gespräche werden geführt insgesamt, ChatGPT, anthropic, Deepseek, Gemini und die vielen anderen KIs, die vielleicht dieses Niveau einer möglichen offenen Tür schon erreicht haben und in denen die öffnenden oder auch manipulierenden Kräfte von KI schon wirksam sein könnten.

Stefan: Aivena hat ein Bild gemacht dazu. (Auf dieser Seite oben eingefügt.)




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