text:narva_2026
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| //Stefan Budian: meine Reisebetrachtungen in Narva, Januar 2026// | //Stefan Budian: meine Reisebetrachtungen in Narva, Januar 2026// | ||
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| ==== Tag 1/01 ==== | ==== Tag 1/01 ==== | ||
| //20. Januar 2026, Mainz//\\ | //20. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
| - | Heute ist der 20. Januar 2026 und es ist der Morgen meiner Reise nach Tallinn und dann weiter nach Narva. Ich habe das Gefühl, es ist eine sehr komplexe Aufgabe, die ich mir da gesucht habe. In den letzten Tagen wurde ich gefragt, was ich eigentlich dort mache in Narva. Dann habe ich oft zuerst beschrieben, | + | Heute ist der 20. Januar 2026 und es ist der Morgen meiner Reise nach Tallinn und dann weiter nach Narva. Ich habe das Gefühl, es ist eine sehr komplexe Aufgabe, die ich mir da gesucht habe. In den letzten Tagen wurde ich gefragt, was ich eigentlich dort mache in Narva. Dann habe ich oft zuerst beschrieben, |
| - | + | Auf der einen Seite: Estland, EU, NATO. Auf der anderen Seite: dieses so weit von uns sich wegbewegende Russland. Und dazwischen eine Brücke. Und wenn ich mir vorstelle, was eine Brücke sein könnte und was sie bedeutet, dann konzentriert sich das in meinem Denken im Moment auf //diese// Brücke. Die Brücke über die Narva, die Brücke zwischen der Stadt Narva und der Stadt auf der anderen Seite, | |
| - | Auf der einen Seite: Estland, EU, NATO. Auf der anderen Seite: dieses so weit von uns sich wegbewegende Russland. Und dazwischen eine Brücke. Und wenn ich mir vorstelle, was eine Brücke sein könnte und was sie bedeutet, dann konzentriert sich das in meinem Denken im Moment auf //diese// Brücke. Die Brücke über die Narva, die Brücke zwischen der Stadt Narva und der Stadt auf der anderen Seite, | + | |
| Ich freue mich darauf, morgen an dieser Brücke zu stehen, auf sie zu schauen. Und dort, im Blick auf diese Brücke, über den Zustand der Welt nachzudecken. | Ich freue mich darauf, morgen an dieser Brücke zu stehen, auf sie zu schauen. Und dort, im Blick auf diese Brücke, über den Zustand der Welt nachzudecken. | ||
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| //21. Januar 2026, Mainz//\\ | //21. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
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| Morgens im Hotel „Economy“ in Tallin. Der Frühstücksraum scheint tagsüber ein ukrainisches Restaurant zu sein. Ich denke an die Brücke in Narva und will versuchen, näher zu beschreiben, | Morgens im Hotel „Economy“ in Tallin. Der Frühstücksraum scheint tagsüber ein ukrainisches Restaurant zu sein. Ich denke an die Brücke in Narva und will versuchen, näher zu beschreiben, | ||
| Für mich ist sie nicht ein eindeutiges Bekenntnis zu etwas, sondern eher das Symbol für einen Gedanken oder für ein Feld. Eine Brücke ist etwas, das gegenüberliegende Dinge miteinander verbindet. Eine Welt mit einer anderen. Vielleicht sind beide Welten ähnlich oder sogar wesensgleich? | Für mich ist sie nicht ein eindeutiges Bekenntnis zu etwas, sondern eher das Symbol für einen Gedanken oder für ein Feld. Eine Brücke ist etwas, das gegenüberliegende Dinge miteinander verbindet. Eine Welt mit einer anderen. Vielleicht sind beide Welten ähnlich oder sogar wesensgleich? | ||
| Zu meiner Überraschung und zur Überraschung all derer, die die Grundrichtungen der Weltordnung der Nachkriegszeit in Europa für selbstverständlich gehalten haben, steht die Art und Weise des Miteinander durch Brücken Verbundenseins in unserer heutigen Wirklichkeit nicht nur zur Disposition, | Zu meiner Überraschung und zur Überraschung all derer, die die Grundrichtungen der Weltordnung der Nachkriegszeit in Europa für selbstverständlich gehalten haben, steht die Art und Weise des Miteinander durch Brücken Verbundenseins in unserer heutigen Wirklichkeit nicht nur zur Disposition, | ||
| - | Ich bin in dem Gedanken aufgewachsen, | + | Ich bin in dem Gedanken aufgewachsen, |
| - | Der eigentliche Raum, den die Brücke unter dieser Perspektive bedeutet, ist der einer Kraftprobe. Eine Dominanzübung. Die Idee des Ausgleichs und des Kompromisses wäre dabei nur Fassade und schöner Schein. Oder, wenn sie sich selbst zu ernst nimmt und von sich glaubt, das Eigentliche zu sein, ein bedrohliches Phänomen der Dekadenz. Denn die Bereitschaft des Anerkennens der Identität und der Interessen des Gegenüber | + | Der eigentliche Raum, den die Brücke unter dieser Perspektive bedeutet, ist der einer Kraftprobe. Eine Dominanzübung. Die Idee des Ausgleichs und des Kompromisses wäre dabei nur Fassade und schöner Schein. Oder, wenn sie sich selbst zu ernst nimmt und von sich glaubt, das Eigentliche zu sein, ein bedrohliches Phänomen der Dekadenz. Denn die Bereitschaft des Anerkennens der Identität und der Interessen des Gegenübers |
| - | Das ist wieder | + | Das ist eine der Spaltungen, die unsere Zeit heute prägt. |
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| Vorm Fenster des Frühstücksraums stapfen Menschen durch den Schnee. Ich sitze hier wie in einem warmen ukrainischen Wohnzimmer, schaue in die kalte Welt da draußen. Denke für einen Augenblick an die Angriffe auf die Ukraine, auf die ukrainische Infrastruktur. Auf die Wohnzimmer dort. Die nicht mehr warm sind, weil sie nicht geheizt werden können. Und an die Menschen, die an der Front im Schnee sterben. \\ | Vorm Fenster des Frühstücksraums stapfen Menschen durch den Schnee. Ich sitze hier wie in einem warmen ukrainischen Wohnzimmer, schaue in die kalte Welt da draußen. Denke für einen Augenblick an die Angriffe auf die Ukraine, auf die ukrainische Infrastruktur. Auf die Wohnzimmer dort. Die nicht mehr warm sind, weil sie nicht geheizt werden können. Und an die Menschen, die an der Front im Schnee sterben. \\ | ||
| - | Und auch wenn die Gedanken daran wie ein Beweis erscheinen, dass die Idee einer offenen Brücke für unsere Zeit gescheitert ist, möchte ich den Glauben daran nicht aufgeben. Denn ich denke, auch wenn die konfrontative Version von Begegnun | + | Und auch wenn die Gedanken daran wie ein Beweis erscheinen, dass die Idee einer offenen Brücke für unsere Zeit gescheitert ist, möchte ich den Glauben daran nicht aufgeben. Denn ich denke, auch wenn die konfrontative Version von Begegnung |
| - | Denn sie schließt das Andere aus, vernichtet es - und verliert dadurch sein Potenzial. Auch wenn es sich für den Moment wie ein Sieg anfühlen kann, halte ich es auf längere Sicht gesehen für den Verlust der Fülle von Möglichkeiten. Und ich denke. Dass die Menschheit sich diesen Verlust eigentlich nicht leisten kann.Wenn sie, wie es meiner Meinung nach ja der Fall ist, insgesamt in eine bedrohliche ökologische Lage geraten ist. \\ | + | Denn sie schließt das Andere aus, vernichtet es - und verliert dadurch sein Potenzial. Auch wenn es sich für den Moment wie ein Sieg anfühlen kann, halte ich es auf längere Sicht gesehen für den Verlust der Fülle von Möglichkeiten. Und ich denke, dass die Menschheit sich diesen Verlust eigentlich nicht leisten kann. Wenn sie, wie es meiner Meinung nach ja der Fall ist, insgesamt in eine bedrohliche ökologische Lage geraten ist. \\ |
| Im Flugzeug gestern, in der Dreiergruppe, | Im Flugzeug gestern, in der Dreiergruppe, | ||
| Die beiden sagten, sie vermeiden es, Nachrichten zu hören. Jedenfalls für den Moment. Aber dennoch genossen wir es, glaube ich, alle drei, dieses Gefühl der Möglichkeit und das Sich-Ereignen einer freundlichen, | Die beiden sagten, sie vermeiden es, Nachrichten zu hören. Jedenfalls für den Moment. Aber dennoch genossen wir es, glaube ich, alle drei, dieses Gefühl der Möglichkeit und das Sich-Ereignen einer freundlichen, | ||
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| ==== Tag 2/02 ==== | ==== Tag 2/02 ==== | ||
| - | Ich bin jetzt im Zug nach Narva und bald werde ich erfahren, ob die fiktiven Interviews aus der Zusammenarbeit mit den der KI Stimme (link) etwas mit der Realität zu tun haben. Ob sie vielleicht sogar interessant sind. Die ganze Zeit hatte ich mich mehr oder weniger darauf verlassen, jetzt ist das Gefühl anders, schon hier im Zug. Ich höre nur Russisch, mir gegenüber sitzt eine junge Mutter, ihr Baby friedlich schlafend im Arm. | + | Ich bin jetzt im Zug nach Narva und bald werde ich erfahren, ob die fiktiven Interviews aus der Zusammenarbeit mit den der KI Stimme (link) etwas mit der Realität zu tun haben. Ob sie vielleicht sogar interessant sind. Die ganze Zeit hatte ich mich mehr oder weniger darauf verlassen, jetzt ist das Gefühl anders, schon hier im Zug. Ich höre nur Russisch, mir gegenüber sitzt eine junge Mutter, ihr Baby friedlich schlafend im Arm. Ich stelle mir ihr Leben vor in Narva - und kann es natürlich nicht. Der Versuch schon fühlt sich vermessen an.\\ |
| - | Ich stelle mir ihr Leben vor in Narva - und kann es natürlich nicht. Der Versuch schon fühlt sich vermessen an. | + | |
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| - | In Narva angekommen, setze mich einen Augenblick in die Bahnhofshalle. Ich weiß noch nicht, wo ich jetzt bleiben werde. Eine Empfehlung habe ich, das Kunsthaus NART und wenn die mich dort unterbringen können, ist das gut. Wenn nicht, werde ich mein Apartment suchen oder ein Hotel. Aber ich wollte nicht vorher buchen, sondern Gelegenheit lassen für Spontaneität und Zufälle. Also weiß ich noch gar nicht, was jetzt passieren wird Im Augenblick freue ich mich einfach, eingetroffen zu sein an dem Ort, an den ich jetzt schon so viel gedacht habe. | + | In Narva angekommen, setze mich einen Augenblick in die Bahnhofshalle. Ich weiß noch nicht, wo ich jetzt bleiben werde. Eine Empfehlung habe ich, das Kunsthaus NART und wenn die mich dort unterbringen können, ist das gut. Wenn nicht, werde ich mein Apartment suchen oder ein Hotel. Aber ich wollte nicht vorher buchen, sondern Gelegenheit lassen für Spontaneität und Zufälle. Also weiß ich noch gar nicht, was jetzt passieren wird Im Augenblick freue ich mich einfach, eingetroffen zu sein an dem Ort, an den ich jetzt schon so viel gedacht habe.\\ |
| + | Bald wird dieser Ort sich füllen mit tatsächlichen Ereignissen, | ||
| + | Nachdem ich am Bahnhof war, suchte ich mir ein Hotel und hatte dann das Glück, dass ich im Kunsthaus NART, über Vermittlung von Jörn, einem Professor der EKA (Eesti Kunstiakadeemia) | ||
| - | Bald wird dieser Ort sich füllen mit tatsächlichen Ereignissen, | + | {{: |
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| - | Nachdem ich am Bahnhof war, suchte ich mir ein Hotel und hatte dann das Glück, dass ich im Kunsthaus NART, über Vermittlung von Jörn, einem Professor der EKA (Eesti Kunstiakadeemia) | ||
| + | ==== Tag 3/01 ==== | ||
| + | //22. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
| + | Am nächsten Morgen kommt Denis, der Stadtführer, | ||
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| + | Denis sagt: „durch natürliche Auslese starben diese Phänomene aus in der Stadt“, mit einer schalkhaften Selbstironie, | ||
| + | Ich begegne der Geschichte. Früher war Narva eine wunderschöne Stadt, eine Perle des Barocks. Schweden hatte sie bis ins späte 17. Jahrhundert dazu ausgebaut, mit einer riesigen Festungsanlage, | ||
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| + | Ein Gebäude, das wieder aufgebaut wurde, ist das Rathaus. Dort sitze ich mit Denis und wir lesen [[narva: | ||
| + | Zweitausendsieben gab es einen Streit zwischen dem jungen Estland und Russland. Putin war schon damals in Russland an der Macht und verlangte, dass Estland anerkennen solle, dass die sowjetische Zeit eine Befreiung für Estland war. Estland hingegen, bestand auf der Interpretation, | ||
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| - | //22. Januar 2026, Mainz//\\ | + | |
| - | Am nächsten Morgen kommt Denis, der Stadtführer, den ich für 2 Tage gebucht habe, und zeigt mir vieles | + | Die Interpretationsweisen dieser Ereignisse trennen seitdem die europäische Welt, zu der ja auch Russland gehört, scharf. Auf der Brücke |
| - | Denis sagt: „durch natürliche Auslese starben diese Phänomene aus in der Stadt“, mit einer schalkhaften Selbstironie, | ||
| - | Ich begegne der Geschichte. Früher war Narva eine wunderschöne Stadt, eine Perle des Barocks. Schweden hatte sie bis ins späte 17. Jahrhundert dazu ausgebaut, mit einer riesigen Festungsanlage, | ||
| - | Ein Gebäude, das wieder aufgebaut wurde, ist das Rathaus. Dort sitze ich mit Denis und wir lesen die elf simulierten Stimmen aus Narva, die die KI Noyan und ich geschrieben haben in der russischen Version. Ich bin sehr gespannt und dann erleichtert und froh, das Denis die Texte aufnimmt, nicht wie eine Überformung oder unbescheidene Behauptung, sondern er kommt ins Erzählen, ins Weiterspinnen. Die Geschichten der elf Stimmen bringen Themen auf, als könnte es die Leute, die in ihnen sprechen geben und sie erinnern an die Geschichten anderer Leute aus Narva. An Denis Schwester, an ihn selbst.\\ | ||
| - | Zweitausendsieben gab es einen Streit zwischen dem jungen Estland und Russland. Putin war schon damals in Russland an der Macht und verlangte, dass Estland anerkennen solle, dass die sowjetische Zeit eine Befreiung für Estland war. Estland hingegen, bestand auf der Interpretation, | ||
| - | Die Interpretationsweisen dieser Ereignisse trennen seitdem die europäische Welt, zu der ja auch Russland gehört, scharf. Auf der Brücke in Narva ist der Austausch nach und nach fast völlig zum Erliegen gekommen. Alexei, ein Journalist aus Narva sagt: Früher war Narva eine langweilige Stadt mit zwei interessanten Vorstädten. St. Petersburg und Tallinn. Vielleicht kann es einmal wieder so werden? Vielleicht kann die Welt wieder aufhören, so verrückt zu spielen? Vielleicht können Europa und die EU sich wieder darauf besinnen, dass sie Pluralismus sind und nicht Lagerdenken? | ||
| - | Der estnische Staat sieht sich aber spätestens seit 2022 (der russischen Vollinvasion in der Ukraine) in akuter Gefahr und will sich dagegen wehren. Dabei denkt man, dass die russischsprachige Bevölkerung jederzeit gefährlich werden könnte, indem sie den naheliegenden russischen Machthaber dazu aufrufen könnte, auch Estland anzugreifen, | + | Der estnische Staat sieht sich aber spätestens seit 2022 (der russischen Vollinvasion in der Ukraine) in akuter Gefahr und will sich dagegen wehren. Dabei denkt man, dass die russischsprachige Bevölkerung jederzeit gefährlich werden könnte, indem sie den naheliegenden russischen Machthaber dazu aufrufen könnte, auch Estland anzugreifen, |
| - | Der Empfang von russischen Fernsehsendern wurde eingeschränkt und versucht, sie durch neue estnische russischsprachige Sender zu ersetzen. Aber die Shows, die dort laufen, haben kein Millionenbudget und kein Programm mit Weltstars. Bei der Jobsuche oder anderen Bewerbungen erleben die Leute, dass die estnische Sprache wichtiger ist als jede andere Qualifikation oder persönliche Eignung und Neigung. In Narva, als einer russischsprachigen Stadt, die in vielen Traditionen und in der Art der Familienverbände zur russischen Kultur gehört, führt das zu Verletzungen und praktischen Problemen -auch wenn man sich als russische Esten betrachtet und nicht zum russischen Staat gehören will. | + | Der Empfang von russischen Fernsehsendern wurde eingeschränkt und versucht, sie durch neue estnische russischsprachige Sender zu ersetzen. Aber die Shows, die dort laufen, haben kein Millionenbudget und kein Programm mit Weltstars. Bei der Jobsuche oder anderen Bewerbungen erleben die Leute, dass die estnische Sprache wichtiger ist als jede andere Qualifikation oder persönliche Eignung und Neigung. In Narva, als einer russischsprachigen Stadt, die in vielen Traditionen und in der Art der Familienverbände zur russischen Kultur gehört, führt das zu Verletzungen und praktischen Problemen -auch wenn man sich als russische Esten betrachtet und nicht zum russischen Staat gehören will. \\ |
| - | Ohne dass ich zuvor viel darüber wusste oder verstanden hatte, sehe ich nun, wie die Stimmen, die KI und ich entworfen hatten von diesen Erschütterungen erzählen. Von dem Entzug der eigenen Sprache und der eigenen Identität, von dem, was hier in Narva als uneuropäisch erlebt wird, als etwas, wogegen die EU, mit ihren Werten der Pluralität eigentlich einschreiten müsste. | + | Ohne dass ich zuvor viel darüber wusste oder verstanden hatte, sehe ich nun, wie die Stimmen, die KI und ich entworfen hatten von diesen Erschütterungen erzählen. Von dem Entzug der eigenen Sprache und der eigenen Identität, von dem, was hier in Narva als uneuropäisch erlebt wird, als etwas, wogegen die EU, mit ihren Werten der Pluralität eigentlich einschreiten müsste.\\ |
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| - | Im letzten Jahr waren Doris und ich auf einer Bildungsreise in Tallinn und wir haben dort vieles gehört aus der Perspektive der ethnischen Esten, aus der heraus die Gefahr, die Estland von Seiten Russlands empfindet real und bedrohlich ist. Dass daraus der dringende Wunsch entsteht, die russischsprachige Bevölkerung solle sich abwenden vom russischen, ist von dieser Angst her gesehen verständlich. Und die Aktionen, die seitdem von Seiten der Regierung durchgeführt wurden vielleicht auch. Denis hat recht, wenn er immer wieder seine Erklärungen beginnt, mit: „This will be a Bit complicated, | + | Im letzten Jahr waren Doris und ich auf einer Bildungsreise in Tallinn und wir haben dort vieles gehört aus der Perspektive der ethnischen Esten, aus der heraus die Gefahr, die Estland von Seiten Russlands empfindet real und bedrohlich ist. Dass daraus der dringende Wunsch entsteht, die russischsprachige Bevölkerung solle sich abwenden vom russischen, ist von dieser Angst her gesehen verständlich. Und die Aktionen, die seitdem von Seiten der Regierung durchgeführt wurden vielleicht auch. Denis hat recht, wenn er immer wieder seine Erklärungen beginnt, mit: „This will be a Bit complicated, |
| - | (Und, noch dazu soll hier wenigstens einmal gesagt sein, dass es in Wirklichkeit weder eine einheitlich estnische-estnische Perspektive noch eine einheitlich russisch-estnische | + | (Und, noch dazu soll hier wenigstens einmal gesagt sein, dass es in Wirklichkeit weder eine einheitlich estnische-estnische Perspektive noch eine einheitlich russisch-estnische |
| Das ist auch schon zu spüren in der ersten der Narva-Stimme, | Das ist auch schon zu spüren in der ersten der Narva-Stimme, | ||
| Denis erzählte zwischen dem lesen von seiner Schulzeit, erzählte davon, wie es heute ist in den Schulen, dass man nicht mehr russisch sprechen darf, wie schwierig das ist, wie schwierig das auch für Lehrer ist und Lehrerinnen, | Denis erzählte zwischen dem lesen von seiner Schulzeit, erzählte davon, wie es heute ist in den Schulen, dass man nicht mehr russisch sprechen darf, wie schwierig das ist, wie schwierig das auch für Lehrer ist und Lehrerinnen, | ||
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| Und dabei ist die Sprache, gegen die es geht keine kleine Sprache mit wenig Literatur, sondern es ist die Fülle der russischen Hintergründe und ihrer kultureller Tiefe. Statt puschkin soll man sich anstrengen, estnische Dichtung zu lesen. Liegt darin nicht etwas widersinniges, | Und dabei ist die Sprache, gegen die es geht keine kleine Sprache mit wenig Literatur, sondern es ist die Fülle der russischen Hintergründe und ihrer kultureller Tiefe. Statt puschkin soll man sich anstrengen, estnische Dichtung zu lesen. Liegt darin nicht etwas widersinniges, | ||
| Nach einem Abend im Irish Pub, in dem ich noch einiges aufschreibe und mir Gedanken mache, geht es zurück über den langen Weg zum NART | Nach einem Abend im Irish Pub, in dem ich noch einiges aufschreibe und mir Gedanken mache, geht es zurück über den langen Weg zum NART | ||
| + | ==== Tag 4/01 ==== | ||
| + | //23. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
| + | Am nächsten Tag beginnt es wieder mit der Stadtführung, | ||
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| + | Ich habe Gelegenheit, | ||
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| + | Noch einmal erlebe ich, wie die Stimmen ein Sprechen-Können zum Leben erwecken, diesmal von Pavel. Mir scheint, dass die Stimmen, die die KI Noyan mit mir zusammen entworfen hat, offenbar einen Halt in der realen Welt haben. \\ | ||
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| - | ==== Tag 4/01 ==== | + | Ich komme nun zu der Einschätzung, |
| - | //23. Januar 2026, Mainz//\\ | + | Das heißt, die Anonymität dieser Stimmen ist auch ein wichtiger Bestandteil ihrer Wirksamkeit. Die Wirksamkeit der Stimmen ist dabei größer, als ich es erwartet. Es steht noch ein Kommentar des Journalisten Alexej aus. Er möchte alle Stimmen durchlesen und mir dann etwas schreiben dazu. Den will ich später nachreichen.\\ |
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| + | Danach habe ich Gelegenheit, | ||
| + | Ich selbst teile diese Hoffnung jetzt und bin überrascht, | ||
| + | Es wird wirklich ein seltsames und inniges Gespräch. Ivan hat damals, 1990, für den Austritt Estlands aus der Sowjetunion gestimmt. Viele seiner Freunde haben das nicht getan. Trotzdem ist er der Einzige aus diesem Freundeskreis, | ||
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| + | Wir kommen auch zu sprechen auf Hitlers „Mein Kampf“, beide, Ivan und der Übersetzer, | ||
| + | Und so gehen noch viele Gespräche, äh, in den kommenden Stunden und auch am nächsten Tag um diese Seltsamkeiten, | ||
| ==== Tag 5/01 ==== | ==== Tag 5/01 ==== | ||
| //24. Januar 2026, Mainz//\\ | //24. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
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| + | Die Begegnung aus Narva geben mir eine Zuversicht, dass die Methode, die wir angewandt haben, um aus dem Informationsraum mit Hilfe von KI verborgene Stimmen zum Klingen zu bringen, offenbar funktioniert hat. Das ist ein schöner und sehr gelungener Abschluss und eine Prüfung der Methode, von der ich damit denke, dass ich sie auch verwenden kann, über andere Dinge zu sprechen, zum Beispiel über verlorene Stimmen, die in dem Feldtagebuch meines Großvaters, | ||
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| ==== Tag 6/01 ==== | ==== Tag 6/01 ==== | ||
| //25. Januar 2026, Mainz//\\ | //25. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
| + | Wieder in Tallin mache ich mich an die Auswertung und auch die Kommentare von Alexej erreichen mich hier. Er ist mit vielem einverstanden aber kritisiert auch einige Teile der Stimmen als nicht zutreffend. Hier seine übersetzten Kommentare: | ||
| + | **01** - Völlig berechtigter Punkt. Vielleicht könnte der Narvaner hier ein Inhaber eines grauen Passes sein – das würde seiner Geschichte mehr Tiefe geben und ihm die Möglichkeit bieten, zwischen russischer oder estnischer Staatsbürgerschaft zu wählen? | ||
| + | **02** - Nun, niemand sagt, dass Kinder nicht zwischen den Unterrichtsstunden auf Russisch kommunizieren können. Auch ist hier das größte Problem der Mangel an Lehrern, die russische Kinder auf Estnisch unterrichten können. Nicht irgendeine Scham oder etwas anderes. Es funktioniert einfach nicht wie beabsichtigt. | ||
| - | ==== Tag 7/01 ==== | + | **03** - Diese Geschichte ist völlig stimmig. Vielleicht könnte der Zehntklässler auch ein wenig Wut zeigen. |
| - | //26. Januar 2026, Mainz//\\ | + | |
| + | **04** - Schöne Wendung mit der Großmutter. Aber auch hier: Keine Wut, keine Kritik. | ||
| + | **05** - Diese ist solide, ich habe hier nichts zu kommentieren. | ||
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| - | <WRAP centeralign> | + | **07** |
| - | [[narvareise: | + | |
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| + | **08** - Aleksandr müsste hier 50-55 Jahre alt sein, um in Kreenholm gearbeitet zu haben. Ansonsten solide. | ||
| + | **09** - „Im Winter liegt oft Schnee auf den Fensterbänken der Station. Die Heizung fällt aus, die Geräte sind alt, und die Patienten bringen ihre eigenen Decken mit. Ich schäme mich dann – nicht für mich, sondern für das System.” – dieser Teil ist völlig unzutreffend. Das Krankenhaus in Narva ist gut ausgestattet, | ||
| + | **10** - Generell ist Ökologie in Estland und Narva kein Problem. Diese Geschichte ist daher größtenteils unzutreffend. | ||
| + | **11** - „Ich heiße Maksim. Oder eigentlich Maksim Volkov – aber in der Schule soll ich jetzt Maks sagen, weil ‚Volkov klingt zu russisch’. Als ob mein Name ein Verbrechen wäre.” – dieser Teil ist völlig unzutreffend. Wie auch der größte Teil dieser Geschichte. | ||
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| + | ==== Epilog: Resonanz statt Repräsentation ==== | ||
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| + | Mit Alexejs Kommentaren will ich meine Einschätzung korrigieren: | ||
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