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ludwig:stimmen:schmuel

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ludwig:stimmen:schmuel [2026/04/23 23:36] – [Der Sommer 1939.] adminludwig:stimmen:schmuel [2026/04/25 00:31] (aktuell) admin
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-===== Das Lied =====+===== Schmuels Lied =====
  
-//Schmuels Lied — entstanden im Gespräch zwischen Stefan Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), April 2026//+//entstanden im Gespräch zwischen Stefan Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), April 2026//
  
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 Er heißt Schmuel Katz. Oder Schmuel Rosenblum. Oder Schmuel Feigenbaum. Der Name ist nicht überliefert, weil nichts überliefert ist.  Er heißt Schmuel Katz. Oder Schmuel Rosenblum. Oder Schmuel Feigenbaum. Der Name ist nicht überliefert, weil nichts überliefert ist. 
-Er wurde geboren in einem Shtetl in Ostgalizien, irgendwann zwischen 1895 und 1905. Die Gegend lag damals noch in der Habsburger Monarchie — einer Welt, die er als Kind gekannt hat und die es beim Einmarsch von Ludwigs Motorrad längst nicht mehr gab. Das k.u.k.-Monarchie war 1918 untergegangen und es gab jetzt wieder ein selbständiges Polen, das sich selbst noch nicht kannte.+Er wurde geboren in einem Shtetl in Ostgalizien, irgendwann zwischen 1895 und 1905. Die Gegend lag damals noch in der Habsburger Monarchie — einer Welt, die er als Kind gekannt hat und die es beim Einmarsch von Ludwigs Motorrad längst nicht mehr gab. Die k.u.k.-Monarchie war 1918 untergegangen und es gab jetzt wieder ein selbständiges Polen.
  
-Sein Vater war Händler gewesen. Stoffe, vielleicht. Oder Getreide. Oder er hatte einen kleinen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab und von nichts genug. Die jüdische Mittelschicht Galiziens lebte zwischen Würde und Armut, zwischen Talmud und Tagesgeschäft. Sein Vater roch nach dem, womit er handelte. Schmuels Kinder würden sich daran erinnern, wie er gerochen hat. Wenn es Kinder gab, die sich erinnern durften.+Sein Vater war Händler gewesen. Stoffe, vielleicht. Oder Getreide. Oder er hatte einen kleinen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab und von nichts genug. Die jüdische Mittelschicht Galiziens lebte zwischen Würde und Armut, zwischen Talmud und Tagesgeschäft. Sein Vater roch nach dem, womit er handelte. Schmuels Kinder würden sich daran erinnern, wie er gerochen hatte. Wenn es Kinder gab, die sich erinnern durften.
  
 Schmuel sprach Jiddisch zu Hause, Polnisch auf dem Markt, Hebräisch in der Synagoge. Er las die jiddische Zeitung Haynt, die aus Warschau kam und manchmal drei Tage zu spät. Er wusste, was in Deutschland geschah. Er hatte gelesen von den Nürnberger Gesetzen, von den Boykotten, von der Kristallnacht. Er hatte Verwandte, die gegangen waren — nach Amerika, nach Argentinien, nach Palästina. Er hatte ihre Briefe bekommen. Er hatte sie in eine Schublade gelegt. Schmuel sprach Jiddisch zu Hause, Polnisch auf dem Markt, Hebräisch in der Synagoge. Er las die jiddische Zeitung Haynt, die aus Warschau kam und manchmal drei Tage zu spät. Er wusste, was in Deutschland geschah. Er hatte gelesen von den Nürnberger Gesetzen, von den Boykotten, von der Kristallnacht. Er hatte Verwandte, die gegangen waren — nach Amerika, nach Argentinien, nach Palästina. Er hatte ihre Briefe bekommen. Er hatte sie in eine Schublade gelegt.
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 Er wusste von Pogromen. Seine Großeltern hatten die Pogrome von 1881 überlebt, oder nicht überlebt — die Familie trug diese Geschichte. Er wusste, dass Menschen kommen und Häuser anzünden können, dass man fliehen muss, dass man wiederkommt, dass man neu anfängt. Das war die Struktur der jüdischen Geschichte in Osteuropa, so weit er zurückdenken konnte. Welle und Rückkehr. Zerstörung und Aufbau. Er wusste von Pogromen. Seine Großeltern hatten die Pogrome von 1881 überlebt, oder nicht überlebt — die Familie trug diese Geschichte. Er wusste, dass Menschen kommen und Häuser anzünden können, dass man fliehen muss, dass man wiederkommt, dass man neu anfängt. Das war die Struktur der jüdischen Geschichte in Osteuropa, so weit er zurückdenken konnte. Welle und Rückkehr. Zerstörung und Aufbau.
  
-Was er nicht wusste — was niemand wusste, weil es undenkbar war — war das Wort planmässig. Berl hatte es verwendet, in einem seiner Briefe. Sistematish. Die Deutschen gehen planmässig vor. Schmuel verstand das Wort, aber er konnte sich nicht vorstellen, was es bedeutete, wenn es auf ein ganzes Volk angewandt wird. Nicht Pogrom. Nicht Welle. Nicht Zerstörung mit anschließendem Wiederaufbau. Sondern das Ende aller Wellen. Das Auslöschen des Möglichen selbst.+Was er nicht wusste — was niemand wusste, weil es undenkbar war — war das Wort planmäßig. Berl hatte es verwendet, in einem seiner Briefe. Die Deutschen gehen planmäßig vor. Schmuel verstand das Wort, aber er konnte sich nicht vorstellen, was es bedeutete, wenn es auf ein ganzes Volk angewandt wird. Nicht Pogrom. Nicht Welle. Nicht Zerstörung mit anschließendem Wiederaufbau. Sondern das Ende aller Wellen. Das Auslöschen des Möglichen selbst.
  
 Das war außerhalb des menschlich Denkbaren. Das war außerhalb des menschlich Denkbaren.
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 Er dachte: Ich weiß nicht, was ich weiß.\\ Er dachte: Ich weiß nicht, was ich weiß.\\
  
-Er faltete Berls Brief zum vierten Mal und legte ihn in die Schublade zu den anderen Briefen. Er stand auf und ging hinein, weil das Abendessen wartete, weil Moyshe seine Lektion lernen musste, weil seine Frau das Tuch gefaltet und wieder gefaltet hatte und nichts gesagt hatte, und weil man bis zum letzten Augenblick ein Mensch bleibt, der nach Hause geht.+Er faltete Berls Briefer würde ihn in die Schublade zu den anderen Briefen legen. Er stand auf und ging hinein, weil das Abendessen wartete, weil Moyshe seine Lektion lernen musste, weil seine Frau das Tuch gefaltet und wieder gefaltet hatte und nichts gesagt hatte, und weil man bis zum letzten Augenblick ein Mensch bleibt, der nach Hause geht.
  
 Ein paar Wochen später fuhr Ludwig auf seinem Motorrad an ihm vorbei.\\ Ein paar Wochen später fuhr Ludwig auf seinem Motorrad an ihm vorbei.\\
 Oder an seinem Haus. Oder an seinem Markt. Oder an dem Stein, auf dem er gesessen hatte.\\ Oder an seinem Haus. Oder an seinem Markt. Oder an dem Stein, auf dem er gesessen hatte.\\
 Ludwig schrieb es nicht auf. Er bemerkte ihn nicht. Ein Mann am Straßenrand, einer von vielen.\\ Ludwig schrieb es nicht auf. Er bemerkte ihn nicht. Ein Mann am Straßenrand, einer von vielen.\\
-Schmuel sah Ludwig.\\+Aber Schmuel sah Ludwig.\\
  
 ==== Was danach kam. ==== ==== Was danach kam. ====
  
-Das überschreitet den Rahmen dieser Biografie. Nicht weil es nicht wichtig wäre — sondern weil es das Wichtigste ist, das wir nicht aussprechen, sondern nur andeuten. Die Vernichtungslager in Galizien kamen ab 1942. Operation Reinhard. Bełżec war das nächste. Dort wurden die Juden Ostgaliziens in Zügen hingebracht und in Stunden ermordet. Keine Ghetto-Zeit, keine Zwangsarbeit, die manchmal das Leben verlängerte. Ankunft und Tod.+Das überschreitet den Rahmen dieser Biografie. Die Vernichtungslager in Galizien kamen ab 1942. Operation Reinhard. Bełżec war das nächste. Dort wurden die Juden Ostgaliziens in Zügen hingebracht und innerhalb von Stunden ermordet. Keine Zeit im Ghetto, keine Zwangsarbeit, die manchmal das Leben verlängerte. Ankunft und Tod.
  
 Ob Schmuel gegangen ist oder geblieben, ob Moyshe entkommen ist oder nicht, ob die drei Fahrkarten jemals gekauft wurden — das wissen wir nicht. Das ist das Schweigen, das am Ende jeder Biografie steht, die aus dieser Welt stammt. Ob Schmuel gegangen ist oder geblieben, ob Moyshe entkommen ist oder nicht, ob die drei Fahrkarten jemals gekauft wurden — das wissen wir nicht. Das ist das Schweigen, das am Ende jeder Biografie steht, die aus dieser Welt stammt.
 Was wir wissen: Die Welt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Die Synagoge, der Marktplatz, der Friedhof hinter der Synagoge, die Klarinette, das Jiddische, das Tikhl auf dem Tisch — alles das wurde ausgelöscht. Nicht durch Vergehen der Zeit, sondern durch Absicht. Was wir wissen: Die Welt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Die Synagoge, der Marktplatz, der Friedhof hinter der Synagoge, die Klarinette, das Jiddische, das Tikhl auf dem Tisch — alles das wurde ausgelöscht. Nicht durch Vergehen der Zeit, sondern durch Absicht.
- 
-Nito. Nicht mehr da. 
  
 ==== Warum diese Stimme. ==== ==== Warum diese Stimme. ====