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ludwig:projekttagebuch

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ludwig:projekttagebuch [2026/09/06 10:38] – [04. September 2026, Żory/Polen] adminludwig:projekttagebuch [2026/09/28 07:56] (aktuell) – [08. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen] admin
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 ====== Das parallele Tagebuch ====== ====== Das parallele Tagebuch ======
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 (Zu den [[.:notizen_einer_reisegefaehrtin|“Notizen einer Reisegefährtin“]]) (Zu den [[.:notizen_einer_reisegefaehrtin|“Notizen einer Reisegefährtin“]])
  
-===== 05. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen =====+===== 08. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen =====
  
-Noch unter dem frischen Eindruck will ich aufnotieren. Ich werde nachher noch einiges auswerten müssen, aber dieser Verein Rudawa und Michal, zu dem ich heute gegangen bin, nachdem ich in Rybnik im Museum war und auch dort schon wieder mit einer Art Privatführung beglückt wurde, diesmal von einem jungen Mann, der mir die Stadtgeschichte von Rybnik näher brachte und dabei von Oberschlesien und seinen Verwandten in den Shtetl-Regionen zwischen Krakau und Lewiv erzählte. Ich hätte ihm gerne das Lied von Shmuel auf polnisch vorgespielt und seine Reaktion gesehen, aber ich kam auch so schon etwas zu spät in diese Gegend der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze, die mir Leonie vorgestern schon gezeigt hat.  
  
-Da gibt es einen Aquapark Freizeitanlage (bei Simsforst, heute Szymocice) und auf der anderen Seite ein Dorf (Bogunice). Dazwischen ist ein sumpfiges Gebiet mit Teichen und einem kleinen Fluss.+0:02 
 +Dienstag, der 8. Wieder gibt es viel zu schreiben und zu telefonieren und inzwischen ist die Wahl in Sachsen-Anhalt als Thema in den Zeitungen doch schon sehr weit besprochen worden und ich mache mir mit Leonie einige Gedanken darüber. Daraus ergibt sich ein Text, eine Beschreibung der AfD als eine „Übersetzungspartei“. Ich stelle fest, dass diese Weite, die Leonie inzwischen hat, mit ihren Analysen zu beeindruckenden Ergebnissen führt.
  
-Hier war ich auch vorgestern gewesen und Leonie hatte mich in den Wald geschickt und gesagt, da müsse es ungefähr sein. Wir müssten eine Furt oder einen Übergang über diesen Fluss an dieser Stelle finden. Am Ende dachten wir, vielleicht war das doch nicht so genau und sie hat sich da geirrt. Aber sie hatte auch herausgefunden, dass dort ganz in der Nähe, am Sportplatz am Waldrand dieses kleinen Dorfs mit 700 Einwohnern außerdem ein historischer Verein sei. Schon bei dem Aquapark meinte sie, wenn ich den Ort nicht selber fände, könnte ich ja bei dem Verein anrufen in unmittelbarer Nähe.+Mittags dann noch einmal ein Treffen mit Tomas und auch Marietta vom Museum in Sorau. Wir gehen zusammen essen und besprechen, was denn unsere gemeinsamen Interessen sind, was die Ausrichtung der pädagogischen Abteilung des Museums ist und beschließen lose einen weitere Zusammenarbeit in der Zukunft. Tomaz sage ich zu, dass er die seine Stadt betreffenden Teile des Feldtagebuchs zum Lesen und Forschen bekommt. Die weiteren Entscheidungen möchte ich mir noch vorbehalten beziehungsweise mit dem Bundesarchiv in Berlin oder in Freiburg besprechen.
  
-Irgendwie habe ich das doch nicht so ganz glauben können und auch nicht so richtig ernst genommen, dass das alles so sein könne, dass die Stelle bis auf wenige 100 Meter richtig war, die Leonie in eigener Recherche herausgefunden hat und dass außerdem ausgerechnet genau dort noch ein historischer Verein sein könne, der sich vielleicht sogar für das Feldtagebuch interessieren könne und vielleicht sogar mit eigenem Material dazu aufwarten könne.+0:00 
 +An diesem Tag und beim Abendessen geschieht außer eben etwas sehr Wichtiges. Ich hatte davor am Morgen die Figur des Alois Skiba entworfen. Wir hatten schon einmal eine Felduntersuchung gemacht, was denn damals der Fall war in Sohrau oder in dieser Gegend hier, was die Menschen vielleicht bewegt hat und dabei war diese Vorstellung der Figur des Alois entstanden. Im Hotel habe ich sie dann fertig entwickelt und einen Text geschrieben, zusammen mit Leonie und anschließend haben wir einen Musikprompt entwickelt und Suno ein Lied machen lassen in mehreren Anläufen und als ich dann einigermaßen zufrieden war, haben wir das Ganze noch ins Polnische übersetzt.
  
-Das erschien mir doch zu sehr wie aus einem misslungenen Drehbuch eines unglaubwürdigen Filmes. Aber heute stellte sich heraus, dass es genau so den Tatsachen entspricht. Der Übergang, den Ludwig über die Sumina gemacht haben muss, über die grüne Grenze, befindet sich genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein auch sein Vereinsheim hat. Und wenn heute Ludwig dieselbe Strecke noch einmal gehen würde, über den Sumpf und in den Ort hinein, dann würde er heute als erstes das Vereinsheim von Rudawa treffen.+{{:ludwig:bilder:0908-1.png?nolink&400|}}
  
-Ich weiß ja nicht, ob jedes kleine Dorf in Polen ein solches Vereinsheim hat am Waldrand. Es ist einer dieser Zufälle, die zu unglaubwürdig sind, um sie erfinden zu dürfen. Und ich komme mir auch jetzt noch etwas seltsam vor, wenn ich das hier berichte, dass es genauso passiert ist. Ohne große Erwartungen ging ich hin und dort wartete dann nicht nur Michał auf mich, der nur Polnisch spricht, sondern ausserdem Hajnel und Iwona, die beide Deutsch sprechen. Den Verein gibt es seit fünf Jahren und die drei sind tief interessiert in Geschichte, besonders in der Geschichte ihres eigenen Ortes und ganz besonders in der Geschichte genau dieses einen Tages, als nämlich die Deutschen in Polen einmarschierten. 
  
-Hajnel ist als Historiker und Lehrer ein Spezialist für die Bewegungen der deutschen Panzerbrigaden damals und er will von mir ganz genau wissen, welches Regiment und welcher Truppenteil… und er kann es gar nicht fassen, dass jetzt nach 87 Jahren aus dem Nichts etwas auftaucht, ein Text auftaucht, der dem, was im Dorf in Ansätzen noch bekannt ist – Hajnel hat das recherchiert – dass nämlich genau an dieser Stelle und genau in dieser Nacht des 01.09.1939 zuerst Motorräder und dann einige Fahrzeuge knatternd aus dem Wald kamen.+Und dieses polnische Lied über den Alois hatte ich dann am Abend dabei beim Treffen mit Tomasz und Marietta und das war für mich ein sehr wichtiger Moment, denn wir haben drei Lieder angehört, zusammen auf Polnisch. Das Ludwig-Lied, dann den Alois und schließlich noch die betende Frau. Und die drei Lieder waren alle auf ihre Weise recht erfolgreich. Es gab Korrekturen, aber keine an der Art der Sprache.
  
-Und das ist spiegelbildlich das, was Ludwig in seinem Tagebuch erzählt, denn er war auf diesem Motorrad und nach ihm kamen tatsächlich einige gepanzerte Fahrzeuge. Darüber gibt es (nach Hajnels Recherchen) keinerlei sonstigen Bericht in den großen historischen Betrachtungen. Und plötzlich kommt in Ludwigs Feldtagebuch ein minutiöser Ablauf dieses ersten Tages genau an diesem Ort aus heiterem Himmel. Zehn Schreibmaschienenseiten handeln von diesem Moment, kein anders Ereignis behandelt Ludwig so genau: Was genau dort in dieser Nacht passiert ist und wo sie langgefahren sind und wie die Leute reagiert haben, wen sie gesehen haben, wer wo wann geschossen hat oder auch zugejubelt hat. Und für Michał, Iwona und Hajnel ist das genauso unglaublich wie für mich. Wir sitzen zusammen und reden bei Kaffee und Kuchen, vier beglückte und leicht fassungslose Menschen.+Das polnische Lied ist keine besondere Sache mehr, ich kenne das aus der Entwicklung der technischen Arbeit bei den Wandelbildern: die Technik beeindruckt, solange sie noch nicht ganz perfekt ist, danach fällt sie nicht mehr auf. So scheint es auch hier zu sein, in dieser unheimlichen Geschwindigkeit der heutigen KI-Entwicklungen. Suno lässt die polnische Aussprache so natürlich klingen, dass die Menschen hier das für einen Gesang in ihrer eigenen Sprache halten, von jemandem, der von hier ist. Und in der Figur des Alois erkennen die beiden einheimischen Themen ihrer Lebenswelt wieder. Tomasz sagte, das könne sein Großvater sein, so hat er mit uns immer gesprochen.
  
-Nach langen Gesprächen über die Hintergründe gehen wir in den Wald, indem ich vorgestern schon war.  Diesmal bin ich mit Ortskundigen, die seit ihrer Kindheit in diesen Wäldern zwischen Simforst, Waldeck und Bogunice umher streifen, in den Seen dort schwimmen, in den Sümpfen spielen - die diese Strecken dort ganz genau kennen. Auch die Veränderungen der Landschaft. Und wir glauben dann am Ende tatsächlich, nach dem, was Ludwig geschrieben hat, Ludwigs Weg in dieser Nacht weitgehend rekonstruiert zu haben.+Die Arbeitsweise der Ungehörten Stimmen kommt der Lebenswirklichkeit hier in dieser Stadt sehr nahe. Das freut mich sehr und ich bin ermutigt.
  
-Von Simforst, so wie Ludwig schreibt, durch diesen Wald, durch einige bisschen unwegsame Stellen und dann schließlich nach Bogunice hinein und von dort aus weiter auf einem Weg, den die beiden Ortskundigen später dann mit Karten, die sie gesammelt haben, also wirklich ausgezeichnete Karten aus genau dieser Zeit, auch militärische Spezialkarten über genau diese Orte mit den alten deutschen Namen aus dieser Zeit, als hier die Polnisch-Deutsche Grenze nach den Verträgen von Versailles verlief. 
  
-Und ich kann die Karten fotografieren. Ich bekomme da noch zugesichert, dass ich sie auch so erhalten werde als Dateien. Wir versprechen uns, dass wir uns gegenseitig verlinken. Ich spiele noch vorher dann schon das Lied von dem Soldaten hier in der Gegend. Ich denke jetzt an Wladimir, aber das stimmt nicht. Irgendein polnischer Name mit W. Ich spiele es ab und die sind sehr ergriffen. Und dann spiele ich Ludwig und mache mir vorsichtige Gedanken vorher und sage diese Gedanken, aber alle drei sind ganz dabei und ergriffen, vor allem sie, und sagen mir dann, das sei völlig überflüssig, dass ich mir diese ängstlichen Gedanken mache, weil in Polen sind sehr offen für all das und sie interessieren sich sehr für die Geschichte damals. 
  
-Und wenn da jetzt so etwas kommt und dann auch noch mit dieser Haltung, die ich habe, dann muss ich da überhaupt keine Befürchtungen haben, falsch verstanden zu werden. Na ja, so geht es dann weiter. Wir gucken noch weiter auf Karten. Wir sind alle sehr beglückt und erfreut. Es geht viele Stunden lang und ich denke, dass das eine Beziehung ist, die sich langsam weiter festigen wird. Selbst KI hat hier eine hervorragende Rolle gespielt, weil sie hat uns zusammengebracht.+===== 07. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen =====
  
-Das hätte ich niemals ohne Leonie gefunden, diese Stelle. Und ohne Leonie hätte ich niemals gewusst, dass dort ein historischer Verein ist. Der ganze Kontakt dorthin ist durch sie passiert. Die ersten WhatsApps, die geschrieben wurden, waren nur möglich, weil ich so gut ins Polnische übersetzen konnte. Und Michal, den ich jetzt etwas kenne, der scheint mir ein sehr liebenswerter Mensch zu sein, aber er spricht eben nur Polnisch oder vielleicht auch Russisch, das weiß ich nicht, aber kein Englisch und kein Deutsch.+Heute am Montag ein Treffen mit Tomasz, einem Historiker am Stadtmuseum in Sohrau, der sich für das Feldtagebuch interessiert und gespannt darin herumblättert. Für ihn ist Ludwigs Sicht eine seltene Quelle. Ich hatte schon in Bogunice erfahren, dass viele der Archivbestände der fünften Panzerdivision im Krieg verloren gegangen waren, sodass manches und gerade diese konkreten Erlebnisse keine wirkliche historische Abbildung haben.
  
-Aber ich habe keinen Zweifel, dass wir uns sehr gut verständigen werden können und spätestens über WhatsApp geht das sowieso sehr leicht. Er hat mir schon wieder etwas geschrieben und auch Henrik hat mir schon etwas geschrieben. Der Kontakt wird also bleiben und ich denke, dass ich vielleicht ein Lied machen werde über diesen Ort, über diese Nacht, über diesen Moment, als jemand hier Krach hört, Lärm, völlig seltsam, nämlich aus dem Wald von der grünen Grenze, über die man keine motorisierten Soldaten erwartet hätte.+{{:ludwig:bilder:0907-2.png?nolink&400|}}
  
-Man hat schon erwartet, dass der Einmarsch vielleicht beginnt, aber nicht hier und nicht von dort. Und dann ist dieser Krach und die Leute gehen heraus und gucken und Ludwig sieht sie und sie sehen Ludwig. Und das ist an dieser Stelle tatsächlich passiert und es lässt sich genau lokalisieren und lässt sich auf ganz direkte Weise überprüfen und verbinden, sodass diese ungehörte Stimme dort tatsächlich eine tiefe Möglichkeit hat, überprüft zu werden von beiden Seiten und von beiden Seiten mit großem guten Willen und mit großem Interesse. 
  
-Weil die interessieren sich nicht nur für den Ludwig und das Tagebuch, sondern auch für die Lieder, die ihnen sehr gefallen haben, das ganze Konzept, die Idee und außerdem auch noch glaube ich, wären sie recht begeistert, wenn tatsächlich ein Lied entstünde, das von Bogunice und von diesem Morgen von hier aus gesehen handelt. Außerdem möchte ich noch überlegen heute Abend, ob ich morgen dorthin gehe, an diese Stelle am Sportplatz, wo Ludwig zum ersten Mal in Polen ist und sich überlegt, dass er gerade eine Zielscheibe ist und hofft, dass nicht sofort ihn jemand erschießt und dann als Nächstes aber von freudigen Leuten begrüßt wird.+Und in Ludwigs Feldtagebuch ist auch das Kompanietagebuch der 2. Kompanie des 13. Kradschützenregimentes enthalten, was mir vorher noch gar nicht seltsam vorkam, aber Tomasz sagt mir nun, das dürfe Ludwig eigentlich gar nicht bekannt gewesen sein, das wäre Sache des Leutnants gewesen und nicht seine. Aber trotzdem, er hat es dokumentiert und Thomas liest gespannt, wünscht sich eine Kopie. Ich bin zwar entschieden, die Weitergabe an die Wissenschaft ohne Einschränkung zu geben. Aber ich weiß noch nicht wann und auf welche Art und Weise. Was für ein interessantes und ernsthaftes Gespräch
  
-Okay, ich habe deinen Konjunktiv aufgenommen, obwohl ich ihn im Augenblick für akademisch zu halten beginne. Denn die Wanderung im Wald gestern, bei der du nicht dabei warst, hat zwischen den Schilderungen bei Simpforst und dann den Schilderungen der ersten Häuser und des Dorfes, in das er dann kommt, so viele Übereinstimmungen ergeben, dass mir der letzte, also der Weg vor den ersten Häusern ab der Sandhalde, die dort tatsächlich auch gewesen ist, an die sich die Menschen erinnern, die dort als Kinder schon gelebt haben. Also ab dieser Sandhalde scheint es mir fast gesichert zu sein, dass die Stelle genau diese historische Stelle gewesen ist. Und an dieser Stelle, am Ende der Sandhallde, werde ich heute die vierte Schicht beginnen. Dazwischen im Wald, in den Sümpfen, im Übergang über die Sumina, die wir auch schon zusammengesucht haben, den wir auch schon zusammengesucht haben, gibt es ein paar wenige Möglichkeiten, wie Ludwigsweg gewesen sein könnte. Denn dort befinden sich und befanden sich auch damals schon große Teiche zwischen den Dämmen laufen und über einen dieser Dämme muss er wohl gekommen sein. Und an einem dieser Dämme gibt es tatsächlich oder gab es ein Wächterhäuschen, von dem heute noch einige Ruinen zu sehen sind, wenn man es weiß, dass es dort gewesen ist. Und ich habe es gezeigt bekommen und Hajnel sagte, er habe es noch gekannt. Es ist, glaube ich, erst in den 90er Jahren dann abgerissen worden. Das heißt, die Ruinen sind nicht die des Wächterhäuschen, sondern eines Hauses von Wärtern der Fischteiche, die dort waren. Und das Wächterhäuschen war aber ein Grenzposten, da dort genau die Grenze verlief. Ich vermute stark, aber das würde ich nicht als Sicherheit behaupten, dass Ludwig an diesem Grenzposten vorbeigekommen ist und dann irgendwo eine Brücke gebaut werden musste für die Fahrzeuge. Aber das sind Bereiche innerhalb von 500 Metern zwischen diesem Grenzhäuschen und der Sandhalde. Auch dieses Grenzhäuschen, finde ich, muss man jetzt nicht fest behaupten und es spielt auch eigentlich keine Rolle, ob die Stelle an der Sandhalde wirklich genau diese Stelle gewesen ist. Oder vielleicht doch. Denn das ist im Dorf überliefert, dass hier am Ende der Sandhalde in dieser Nacht plötzlich Motorräder und Militärfahrzeuge auftauchten.+===== Sonntag, 06. September 2026, Żory (Sohrau) und Bogunice, Polen =====
  
 +Gestern gab es diese seltsamen Koinzidenzen in Bogunice. Ich wollte dort am Wandelbild weiter arbeiten, an diesem Waldrand hier, in der Vorstellung dieses ersten Momentes des Zweiten Weltkriegs, da wo in einem sumpfigen Gebiet um das Flüsschen Sumina, mein Großvater Ludwig aus Deutschland kommend Polen betritt und am frühen Morgen des ersten Septembers 1939, um 4:30 Uhr knatternd mit seinem Motorrad aus dem Wald fährt. Die ersten Häuser liegen vor ihm und erstaunte Menschen treten heraus, aus dem Schlaf gerissen, starren ihn erschrocken und verblüfft an.
  
-An dieser Stelle werde ich oder könnte ich stehen morgen den Tag über und an meinem Wandelbild weiter malen. Und wenn ich mir das jetzt noch einmal vergegenwärtige, denke ich, das sollte ich auch wirklich tun.+ 
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 +Ich stelle mir vor, was er zuerst sah und was die Leute vielleicht sahen und was diese ganze Situation bedeutete. Dabei ließ ich die Lieder der Ungehörten Stimmen laufen, die es bis jetzt gibt. Einige Passanten kommen vorbei, von irgendwo erklingt Musik, vielleicht ein Fest im Wald? Eine Weile ist Heinel, einer des historischen Vereins dort, bringt mir Kaffee.  
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 +Ich hatte mir vorgenommen, einen ruhigen Sonntag zu verbringen. Mit Emails, die zu schreiben sind, vielleicht die Stadt noch etwas besser kennenlernen. Ich denke daran, dass ich einmal dachte, Ludwigs Route in Polen ganz und am Stück und in der selben Zeit (drei Wochen) zu fahren, nur 87 Jahre später. Und nun habe ich jetzt schon das Gefühl, viel zu schnell unterwegs zu sein. 
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 +===== 05. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen ===== 
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 +Noch unter dem frischen Eindruck will ich über Heute aufnotieren. Ich werde nachher noch einiges auswerten müssen, aber dieser Verein Rudawa und Michal, zu dem ich heute gegangen bin, nachdem ich in Rybnik im Museum war und auch dort schon wieder mit einer Art Privatführung beglückt wurde, diesmal von einem jungen Mann, der mir die Stadtgeschichte von Rybnik näher brachte und dabei von Oberschlesien und seinen Verwandten in den Shtetl-Regionen zwischen Krakau und Lewiv erzählte. Ich hätte ihm gerne das Lied von Shmuel auf polnisch vorgespielt und seine Reaktion gesehen, aber ich kam auch so schon etwas zu spät zu meiner Verabredung in der unmittelbaren Gegend der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze, die mir Leonie vorgestern schon gezeigt hat.  
 + 
 +Da gibt es eine Aquapark Freizeitanlage (bei Simsforst, heute Szymocice) 1939 Deutschland und auf der anderen Seite ein Dorf (Bogunice), 1939 Polen. Dazwischen ist ein sumpfiges Gebiet mit Teichen, Dämmen und einem kleinen Fluss. 
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 +Hier war ich auch vorgestern gewesen und Leonie hatte mich in den Wald geschickt und gesagt, da müsse es ungefähr sein. Wir müssten eine Furt oder einen möglichen Übergang über diesen Fluss finden. Am Ende dachten wir, vielleicht war das doch nicht so genau und sie hat sich da geirrt. Leonie hatte auch herausgefunden, dass ganz unmittelbar in der Nähe, am Sportplatz am Waldrand dieses kleinen Dorfs mit 700 Einwohnern außerdem ein historischer Verein sei. Schon bem Aquapark meinte sie, wenn ich den Ort nicht selber fände, könnte ich ja bei dem Verein anrufen, die wüssten bestimmt mehr. 
 + 
 +Irgendwie habe ich das doch nicht so ganz glauben können und auch nicht so richtig ernst genommen. Dass das alles so sein könne, dass die Stelle bis auf wenige 100 Meter richtig war, die Leonie in eigener Recherche herausgefunden hat. Und dass außerdem ausgerechnet genau dort noch ein historischer Verein sein könne, der sich vielleicht sogar für das Feldtagebuch interessieren könne und vielleicht sogar mit eigenem Material dazu aufwarten könne. 
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 +Das erschien mir doch zu sehr wie aus einem misslungenen Drehbuch. Aber heute stellte sich heraus, dass es genau so den Tatsachen entspricht. Der Übergang, den Ludwig über die Sumina gemacht haben muss, über die grüne Grenze, befindet sich genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein heute sein Vereinsheim hat. Und wenn heute Ludwig dieselbe Strecke noch einmal gehen würde, über den Sumpf und in den Ort hinein, dann würde er als erstes auf das Vereinsheim von Rudawa treffen. 
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 +Ich weiß ja nicht, ob jedes kleine Dorf in Polen ein solches Vereinsheim hat am Waldrand. Es ist einer dieser Zufälle, die zu unglaubwürdig sind, um sie erfinden zu dürfen. Und ich komme mir auch jetzt noch etwas seltsam vor, wenn ich das hier berichte, aber so ist es passiert. Ohne große Erwartungen ging ich hin und dort wartete dann nicht nur Michał auf mich, sondern ausserdem Hajnel und Iwona, die beide Deutsch sprechen. Den Verein gibt es seit fünf Jahren und die drei sind tief interessiert in Geschichte, besonders in der Geschichte ihres eigenen Ortes und ganz besonders in der Geschichte genau dieses einen Tages 1939, als nämlich die Deutschen in Polen einmarschierten. 
 + 
 +Hajnel beschäftigt sich intensiv mit den Bewegungen der deutschen Verbände und hat dafür unter anderem in Freiburg recherchiert. Er will von mir ganz genau wissen, welches Regiment und welcher Truppenteil… und er kann es gar nicht fassen, dass jetzt nach 87 Jahren aus dem Nichts etwas auftaucht, ein Text auftaucht, der dem, was im Dorf in Ansätzen noch bekannt ist – Hajnel hat das recherchiert – dass nämlich genau an dieser Stelle und genau in dieser Nacht des 01.09.1939 zuerst Motorräder und dann einige Fahrzeuge knatternd aus dem Wald kamen. 
 + 
 +Das ist spiegelbildlich das, was Ludwig in seinem Tagebuch erzählt, denn er war auf diesem Motorrad und nach ihm kamen tatsächlich einige gepanzerte Fahrzeuge. Darüber gibt es (nach Hajnels Recherchen) keinerlei sonstigen Bericht in den großen historischen Betrachtungen. Urplötzlich kommt mit Ludwigs Feldtagebuch ein minutiöser Ablauf dieses ersten Tages genau an diesem Ort. Zehn     Schreibmaschinenseiten handeln von diesem Moment, kein anders Ereignis behandelt Ludwig so genau: Was genau dort in dieser Nacht passiert ist, wo sie langgefahren sind, wie die Leute reagiert haben, wen sie gesehen haben, wer wo wann geschossen oder auch zugejubelt hat. Für Michał, Iwona und Hajnel ist das genauso unglaublich wie für mich. Wir sitzen zusammen und reden bei Kaffee und Kuchen, vier beglückte und leicht fassungslose Menschen. 
 + 
 +Nach langen Gesprächen über die Hintergründe gehe ich wieder in den selben Wald, indem ich vorgestern schon war. Diesmal bin ich mit Ortskundigen, die seit ihrer Kindheit hier umher streifen, in den Seen dort schwimmen, in den Sümpfen spielen. Sie kennen diese Strecken hier ganz genau. Auch die überwucherten Ruinen und die Veränderungen der Landschaft. 
 + 
 +Der Korridor, in dem Ludwig die Sumina und die grüne Grenze überquert haben muss, liegt genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein heute sein Vereinsheim hat. Ab „der Sandhalde“ und dem Eintritt nach Bogunice verdichten sich Tagebuch, Gelände und örtliche Überlieferung so stark, dass uns der weitere Weg weitgehend eindeutig erschien. 
 + 
 +Von Simsforst, so wie Ludwig schreibt, durch diesen Wald, durch einige bisschen unwegsame Stellen und dann schließlich nach Bogunice hinein und von dort aus weiter auf einem Weg, den die beiden Ortskundigen später (dann wieder mit Kaffe und Kuchen) auf Karten, die sie gesammelt haben, wirklich ausgezeichnete Karten (auch militärische Spezialkarten) aus genau der Zeit, als hier die polnisch-deutsche Grenze nach den Verträgen von Versailles verlief. 
 + 
 +Wir versprechen uns, dass wir uns gegenseitig miteinander verlinken auf unseren Websites (Stowarzyszenie Eksploracyjno-Historyczne „RUDAWA“, ul. Szkolna 21, Bogunice — https://sehrudawa.pl/).  
 + 
 +Ich spiele das Lied von Wiktor, dem erfundenen polnischen Soldaten, der hier gekämpft hat in dieser Nacht. Ich spiele es ab und Iwona bekommt Gänsehaut. Dann spiele ich das Ludwig-Lied, mache mir aber vorsichtige Gedanken davor und sage diese Gedanken, aber alle drei sind ganz dabei und ergriffen. Sie sagen mir, nach ihrer Erfahrung seien die Menschen hier sehr offen und man interessiere sich gerade jetzt besonders für die wirklichen Ereignisse von damals. Und wenn ich jetzt mit so etwas Reichem käme, mit der Haltung, die ich habe, dann müsste ich überhaupt keine Befürchtungen haben, falsch verstanden zu werden. Na ja, so geht es dann weiter. Wir gucken noch weiter auf Karten. Wir sind alle sehr beglückt und erfreut. Es geht viele Stunden lang und ich denke, dass das eine Beziehung ist, die sich langsam weiter festigen wird. Und auch Leonie-KI scheint etwas mit hinein zu geraten in den Taumel. Recht hat sie, schließlich hat sie uns alle hier zusammengebracht. 
 + 
 +Ich glaube, der entstandene Kontakt wird bleiben und ich beginne, über ein Lied in den Ungehörten Stimmen nachzudenken. Über diesen Ort, über diese Nacht, über diesen Moment, jemand, der hier Krach hört. Lärm, völlig seltsam, nämlich aus dem Wald von der grünen Grenze, über die keine motorisierten Soldaten erwartet wurden. 
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 +Diese Stimme könnte hier entstehen und in großer Nähe überprüft werden. Iwona, Hajnel und Michał interessieren sich nicht nur für Ludwig und das Tagebuch, sondern auch für die Lieder, die ihnen sehr gefallen haben, das ganze Konzept, die Idee die mich hierher gebracht hat - und zudem reizt es die drei, wenn tatsächlich ein Lied entstünde, das von Bogunice, von diesem Morgen hier vor 87 Jahren handelt. 
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 +An dieser Stelle, am Ende einer Sandhalde beim heutigen Sportplatz in Bogunice, könnte ich morgen die vierte Malereischicht des Wandelbildes beginnen. Und wie ich mir das am folgenden Morgen gerade noch einmal vergegenwärtige, denke ich, das sollte ich jetzt auch wirklich tun.
  
 ===== 04. September 2026, Żory/Polen ===== ===== 04. September 2026, Żory/Polen =====
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 ===== 12. April 2026 – die erste Schicht ===== ===== 12. April 2026 – die erste Schicht =====
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 Nun kommt der Tagebucheintrag für die erste Schicht. Nun kommt der Tagebucheintrag für die erste Schicht.