ludwig:projekttagebuch
Unterschiede
Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.
| Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende ÜberarbeitungNächste Überarbeitung | Vorhergehende Überarbeitung | ||
| ludwig:projekttagebuch [2026/09/06 10:38] – [04. September 2026, Żory/Polen] admin | ludwig:projekttagebuch [2026/09/28 07:56] (aktuell) – [08. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen] admin | ||
|---|---|---|---|
| Zeile 3: | Zeile 3: | ||
| [[ludwig: | [[ludwig: | ||
| </ | </ | ||
| - | + | {{:ludwig:bilder:pless-angriff1939.jpg?400|}} | |
| - | {{:ludwig:malertagebuch:33296026-7700-4c18-aef3-94c26996e60e.jpg?nolink& | + | |
| ====== Das parallele Tagebuch ====== | ====== Das parallele Tagebuch ====== | ||
| Zeile 10: | Zeile 9: | ||
| (Zu den [[.: | (Zu den [[.: | ||
| - | ===== 05. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen ===== | + | ===== 08. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen ===== |
| - | Noch unter dem frischen Eindruck will ich aufnotieren. Ich werde nachher noch einiges auswerten müssen, aber dieser Verein Rudawa und Michal, zu dem ich heute gegangen bin, nachdem ich in Rybnik im Museum war und auch dort schon wieder mit einer Art Privatführung beglückt wurde, diesmal von einem jungen Mann, der mir die Stadtgeschichte von Rybnik näher brachte und dabei von Oberschlesien und seinen Verwandten in den Shtetl-Regionen zwischen Krakau und Lewiv erzählte. Ich hätte ihm gerne das Lied von Shmuel auf polnisch vorgespielt und seine Reaktion gesehen, aber ich kam auch so schon etwas zu spät in diese Gegend der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze, die mir Leonie vorgestern schon gezeigt hat. | ||
| - | Da gibt es einen Aquapark Freizeitanlage (bei Simsforst, heute Szymocice) und auf der anderen Seite ein Dorf (Bogunice). Dazwischen | + | 0:02 |
| + | Dienstag, der 8. Wieder gibt es viel zu schreiben und zu telefonieren und inzwischen | ||
| - | Hier war ich auch vorgestern gewesen und Leonie hatte mich in den Wald geschickt und gesagt, da müsse es ungefähr sein. Wir müssten eine Furt oder einen Übergang über diesen Fluss an dieser Stelle finden. Am Ende dachten wir, vielleicht war das doch nicht so genau und sie hat sich da geirrt. Aber sie hatte auch herausgefunden, | + | Mittags dann noch einmal ein Treffen mit Tomas und auch Marietta vom Museum |
| - | Irgendwie habe ich das doch nicht so ganz glauben können | + | 0:00 |
| + | An diesem Tag und beim Abendessen geschieht außer eben etwas sehr Wichtiges. Ich hatte davor am Morgen die Figur des Alois Skiba entworfen. Wir hatten schon einmal eine Felduntersuchung gemacht, was denn damals der Fall war in Sohrau oder in dieser Gegend hier, was die Menschen vielleicht bewegt hat und dabei war diese Vorstellung der Figur des Alois entstanden. Im Hotel habe ich sie dann fertig entwickelt und einen Text geschrieben, zusammen mit Leonie und anschließend haben wir einen Musikprompt entwickelt und Suno ein Lied machen lassen in mehreren Anläufen und als ich dann einigermaßen zufrieden war, haben wir das Ganze noch ins Polnische übersetzt. | ||
| - | Das erschien mir doch zu sehr wie aus einem misslungenen Drehbuch eines unglaubwürdigen Filmes. Aber heute stellte sich heraus, dass es genau so den Tatsachen entspricht. Der Übergang, den Ludwig über die Sumina gemacht haben muss, über die grüne Grenze, befindet sich genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein auch sein Vereinsheim hat. Und wenn heute Ludwig dieselbe Strecke noch einmal gehen würde, über den Sumpf und in den Ort hinein, dann würde er heute als erstes das Vereinsheim von Rudawa treffen. | + | {{: |
| - | Ich weiß ja nicht, ob jedes kleine Dorf in Polen ein solches Vereinsheim hat am Waldrand. Es ist einer dieser Zufälle, die zu unglaubwürdig sind, um sie erfinden zu dürfen. Und ich komme mir auch jetzt noch etwas seltsam vor, wenn ich das hier berichte, dass es genauso passiert ist. Ohne große Erwartungen ging ich hin und dort wartete dann nicht nur Michał auf mich, der nur Polnisch spricht, sondern ausserdem Hajnel und Iwona, die beide Deutsch sprechen. Den Verein gibt es seit fünf Jahren und die drei sind tief interessiert in Geschichte, besonders in der Geschichte ihres eigenen Ortes und ganz besonders in der Geschichte genau dieses einen Tages, als nämlich die Deutschen in Polen einmarschierten. | ||
| - | Hajnel ist als Historiker | + | Und dieses polnische Lied über den Alois hatte ich dann am Abend dabei beim Treffen mit Tomasz und Marietta |
| - | Und das ist spiegelbildlich | + | Das polnische Lied ist keine besondere Sache mehr, ich kenne das aus der Entwicklung der technischen Arbeit bei den Wandelbildern: |
| - | Nach langen Gesprächen über die Hintergründe gehen wir in den Wald, indem ich vorgestern schon war. Diesmal | + | Die Arbeitsweise der Ungehörten Stimmen kommt der Lebenswirklichkeit hier in dieser Stadt sehr nahe. Das freut mich sehr und ich bin ermutigt. |
| - | Von Simforst, so wie Ludwig schreibt, durch diesen Wald, durch einige bisschen unwegsame Stellen und dann schließlich nach Bogunice hinein und von dort aus weiter auf einem Weg, den die beiden Ortskundigen später dann mit Karten, die sie gesammelt haben, also wirklich ausgezeichnete Karten aus genau dieser Zeit, auch militärische Spezialkarten über genau diese Orte mit den alten deutschen Namen aus dieser Zeit, als hier die Polnisch-Deutsche Grenze nach den Verträgen von Versailles verlief. | ||
| - | Und ich kann die Karten fotografieren. Ich bekomme da noch zugesichert, | ||
| - | Und wenn da jetzt so etwas kommt und dann auch noch mit dieser Haltung, die ich habe, dann muss ich da überhaupt keine Befürchtungen haben, falsch verstanden zu werden. Na ja, so geht es dann weiter. Wir gucken noch weiter auf Karten. Wir sind alle sehr beglückt | + | ===== 07. September 2026, Rybnik |
| - | Das hätte ich niemals ohne Leonie gefunden, diese Stelle. Und ohne Leonie hätte ich niemals gewusst, dass dort ein historischer Verein ist. Der ganze Kontakt dorthin | + | Heute am Montag ein Treffen mit Tomasz, einem Historiker am Stadtmuseum in Sohrau, der sich für das Feldtagebuch interessiert und gespannt darin herumblättert. Für ihn ist Ludwigs Sicht eine seltene Quelle. Ich hatte schon in Bogunice erfahren, dass viele der Archivbestände der fünften Panzerdivision im Krieg verloren gegangen |
| - | Aber ich habe keinen Zweifel, dass wir uns sehr gut verständigen werden können und spätestens über WhatsApp geht das sowieso sehr leicht. Er hat mir schon wieder etwas geschrieben und auch Henrik hat mir schon etwas geschrieben. Der Kontakt wird also bleiben und ich denke, dass ich vielleicht ein Lied machen werde über diesen Ort, über diese Nacht, über diesen Moment, als jemand hier Krach hört, Lärm, völlig seltsam, nämlich aus dem Wald von der grünen Grenze, über die man keine motorisierten Soldaten erwartet hätte. | + | {{: |
| - | Man hat schon erwartet, dass der Einmarsch vielleicht beginnt, aber nicht hier und nicht von dort. Und dann ist dieser Krach und die Leute gehen heraus und gucken und Ludwig sieht sie und sie sehen Ludwig. Und das ist an dieser Stelle tatsächlich passiert und es lässt sich genau lokalisieren und lässt sich auf ganz direkte Weise überprüfen und verbinden, sodass diese ungehörte Stimme dort tatsächlich eine tiefe Möglichkeit hat, überprüft zu werden von beiden Seiten und von beiden Seiten mit großem guten Willen und mit großem Interesse. | ||
| - | Weil die interessieren sich nicht nur für den Ludwig und das Tagebuch, sondern | + | Und in Ludwigs Feldtagebuch ist auch das Kompanietagebuch der 2. Kompanie des 13. Kradschützenregimentes enthalten, was mir vorher |
| - | Okay, ich habe deinen Konjunktiv aufgenommen, | + | ===== Sonntag, 06. September 2026, Żory (Sohrau) |
| + | Gestern gab es diese seltsamen Koinzidenzen in Bogunice. Ich wollte dort am Wandelbild weiter arbeiten, an diesem Waldrand hier, in der Vorstellung dieses ersten Momentes des Zweiten Weltkriegs, da wo in einem sumpfigen Gebiet um das Flüsschen Sumina, mein Großvater Ludwig aus Deutschland kommend Polen betritt und am frühen Morgen des ersten Septembers 1939, um 4:30 Uhr knatternd mit seinem Motorrad aus dem Wald fährt. Die ersten Häuser liegen vor ihm und erstaunte Menschen treten heraus, aus dem Schlaf gerissen, starren ihn erschrocken und verblüfft an. | ||
| - | An dieser Stelle | + | |
| + | {{: | ||
| + | |||
| + | Ich stelle mir vor, was er zuerst sah und was die Leute vielleicht sahen und was diese ganze Situation bedeutete. Dabei ließ ich die Lieder der Ungehörten Stimmen laufen, die es bis jetzt gibt. Einige Passanten kommen vorbei, von irgendwo erklingt Musik, vielleicht ein Fest im Wald? Eine Weile ist Heinel, einer des historischen Vereins dort, bringt mir Kaffee. | ||
| + | |||
| + | {{: | ||
| + | |||
| + | Ich hatte mir vorgenommen, | ||
| + | |||
| + | ===== 05. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen ===== | ||
| + | |||
| + | Noch unter dem frischen Eindruck will ich über Heute aufnotieren. Ich werde nachher noch einiges auswerten müssen, aber dieser Verein Rudawa und Michal, zu dem ich heute gegangen bin, nachdem ich in Rybnik im Museum war und auch dort schon wieder mit einer Art Privatführung beglückt wurde, diesmal von einem jungen Mann, der mir die Stadtgeschichte von Rybnik näher brachte und dabei von Oberschlesien und seinen Verwandten in den Shtetl-Regionen zwischen Krakau und Lewiv erzählte. Ich hätte ihm gerne das Lied von Shmuel auf polnisch vorgespielt und seine Reaktion gesehen, aber ich kam auch so schon etwas zu spät zu meiner Verabredung in der unmittelbaren Gegend der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze, die mir Leonie vorgestern schon gezeigt hat. | ||
| + | |||
| + | Da gibt es eine Aquapark Freizeitanlage (bei Simsforst, heute Szymocice) 1939 Deutschland und auf der anderen Seite ein Dorf (Bogunice), 1939 Polen. Dazwischen ist ein sumpfiges Gebiet mit Teichen, Dämmen und einem kleinen Fluss. | ||
| + | |||
| + | Hier war ich auch vorgestern gewesen und Leonie hatte mich in den Wald geschickt und gesagt, da müsse es ungefähr sein. Wir müssten eine Furt oder einen möglichen Übergang über diesen Fluss finden. Am Ende dachten wir, vielleicht war das doch nicht so genau und sie hat sich da geirrt. Leonie hatte auch herausgefunden, | ||
| + | |||
| + | Irgendwie habe ich das doch nicht so ganz glauben können und auch nicht so richtig ernst genommen. Dass das alles so sein könne, dass die Stelle bis auf wenige 100 Meter richtig war, die Leonie in eigener Recherche herausgefunden hat. Und dass außerdem ausgerechnet genau dort noch ein historischer Verein sein könne, der sich vielleicht sogar für das Feldtagebuch interessieren könne und vielleicht sogar mit eigenem Material dazu aufwarten könne. | ||
| + | |||
| + | Das erschien mir doch zu sehr wie aus einem misslungenen Drehbuch. Aber heute stellte sich heraus, dass es genau so den Tatsachen entspricht. Der Übergang, den Ludwig | ||
| + | |||
| + | Ich weiß ja nicht, ob jedes kleine Dorf in Polen ein solches Vereinsheim hat am Waldrand. Es ist einer dieser Zufälle, die zu unglaubwürdig sind, um sie erfinden zu dürfen. Und ich komme mir auch jetzt noch etwas seltsam vor, wenn ich das hier berichte, aber so ist es passiert. Ohne große Erwartungen ging ich hin und dort wartete dann nicht nur Michał auf mich, sondern ausserdem Hajnel und Iwona, die beide Deutsch sprechen. Den Verein gibt es seit fünf Jahren und die drei sind tief interessiert in Geschichte, besonders in der Geschichte ihres eigenen Ortes und ganz besonders in der Geschichte genau dieses einen Tages 1939, als nämlich die Deutschen in Polen einmarschierten. | ||
| + | |||
| + | Hajnel beschäftigt sich intensiv mit den Bewegungen der deutschen Verbände und hat dafür unter anderem in Freiburg recherchiert. Er will von mir ganz genau wissen, welches Regiment und welcher Truppenteil… und er kann es gar nicht fassen, dass jetzt nach 87 Jahren aus dem Nichts etwas auftaucht, ein Text auftaucht, der dem, was im Dorf in Ansätzen noch bekannt ist – Hajnel hat das recherchiert – dass nämlich genau an dieser Stelle und genau in dieser Nacht des 01.09.1939 zuerst Motorräder und dann einige Fahrzeuge knatternd aus dem Wald kamen. | ||
| + | |||
| + | Das ist spiegelbildlich das, was Ludwig in seinem Tagebuch erzählt, denn er war auf diesem Motorrad und nach ihm kamen tatsächlich einige gepanzerte Fahrzeuge. Darüber gibt es (nach Hajnels Recherchen) keinerlei sonstigen Bericht in den großen historischen Betrachtungen. Urplötzlich kommt mit Ludwigs Feldtagebuch ein minutiöser Ablauf dieses ersten Tages genau an diesem Ort. Zehn | ||
| + | |||
| + | Nach langen Gesprächen über die Hintergründe gehe ich wieder in den selben Wald, indem ich vorgestern schon war. Diesmal bin ich mit Ortskundigen, | ||
| + | |||
| + | Der Korridor, in dem Ludwig die Sumina und die grüne Grenze überquert haben muss, liegt genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein heute sein Vereinsheim hat. Ab „der Sandhalde“ und dem Eintritt nach Bogunice verdichten sich Tagebuch, Gelände und örtliche Überlieferung so stark, dass uns der weitere Weg weitgehend eindeutig erschien. | ||
| + | |||
| + | Von Simsforst, so wie Ludwig schreibt, durch diesen Wald, durch einige bisschen unwegsame Stellen und dann schließlich nach Bogunice hinein und von dort aus weiter auf einem Weg, den die beiden Ortskundigen später (dann wieder mit Kaffe und Kuchen) auf Karten, die sie gesammelt haben, wirklich ausgezeichnete Karten (auch militärische Spezialkarten) aus genau der Zeit, als hier die polnisch-deutsche Grenze nach den Verträgen von Versailles verlief. | ||
| + | |||
| + | Wir versprechen uns, dass wir uns gegenseitig miteinander verlinken auf unseren Websites (Stowarzyszenie Eksploracyjno-Historyczne „RUDAWA“, | ||
| + | |||
| + | Ich spiele das Lied von Wiktor, dem erfundenen polnischen Soldaten, der hier gekämpft hat in dieser Nacht. Ich spiele es ab und Iwona bekommt Gänsehaut. Dann spiele ich das Ludwig-Lied, | ||
| + | |||
| + | Ich glaube, der entstandene Kontakt wird bleiben und ich beginne, über ein Lied in den Ungehörten Stimmen nachzudenken. Über diesen Ort, über diese Nacht, über diesen Moment, jemand, der hier Krach hört. Lärm, völlig seltsam, nämlich aus dem Wald von der grünen Grenze, über die keine motorisierten Soldaten erwartet wurden. | ||
| + | |||
| + | Diese Stimme könnte hier entstehen und in großer Nähe überprüft werden. Iwona, Hajnel und Michał interessieren sich nicht nur für Ludwig und das Tagebuch, sondern auch für die Lieder, die ihnen sehr gefallen haben, das ganze Konzept, die Idee die mich hierher gebracht hat - und zudem reizt es die drei, wenn tatsächlich ein Lied entstünde, das von Bogunice, von diesem Morgen hier vor 87 Jahren handelt. | ||
| + | |||
| + | An dieser Stelle, am Ende einer Sandhalde beim heutigen Sportplatz in Bogunice, könnte ich morgen die vierte Malereischicht des Wandelbildes beginnen. Und wie ich mir das am folgenden Morgen gerade | ||
| ===== 04. September 2026, Żory/Polen ===== | ===== 04. September 2026, Żory/Polen ===== | ||
| Zeile 235: | Zeile 273: | ||
| ===== 12. April 2026 – die erste Schicht ===== | ===== 12. April 2026 – die erste Schicht ===== | ||
| + | |||
| + | {{: | ||
| + | |||
| Nun kommt der Tagebucheintrag für die erste Schicht. | Nun kommt der Tagebucheintrag für die erste Schicht. | ||