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| + | ====== „Das ist kein Lob. Das ist das Minimum eines normalen Menschen." | ||
| + | //Ein Gespräch mit Nelly Soghomonyan · Sprachlernzentrum Jerewan, 7. Mai 2026// | ||
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| + | //von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59// | ||
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| + | ===== Wer spricht ===== | ||
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| + | Nelly Soghomonyan wurde vor zwei Tagen 75. Sie sagt, sie wurde dabei ein Jahr jünger. | ||
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| + | Sie ist Leiterin des Sprachlernzentrums Jerewan — dem offiziellen Partner des Goethe-Instituts in Armenien. Sie hat Deutsch nie in Deutschland gelernt, sondern an der Staatlichen Universität Jerewan — und war erst 2001 zum ersten Mal in Deutschland. Sie hat das Zentrum gegen alle Widerstände aufgebaut: gegen einen Abteilungsleiter, | ||
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| + | Das ist der kleinere Teil ihrer Geschichte. | ||
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| + | Der größere: Sie ist in Artsakh aufgewachsen — in Bergkarabach, | ||
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| + | Sie war am Freiheitsplatz. Sie hat die ersten Wahlen erlebt und ihre Manipulation. Sie hat gesehen, wie der erste Präsident KGB-Mann war. Sie hat nach dem 44-Tage-Krieg fast ihren Beruf aufgegeben — weil Europa kein Wort sagte. | ||
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| + | Sie hat alle diese Dinge nicht vergessen. Und sie schweigt nicht darüber. | ||
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| + | ===== Die Sowjetunion — von innen ===== | ||
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| + | Nelly beschreibt die Sowjetunion nicht als abstrakte Geschichte. Sie beschreibt sie als gelebtes System. | ||
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| + | Als Studentin wurde sie vom KGB verfolgt — weil sie als Reiseleiterin mit ausländischen Touristen sprach. Sie durfte einer kranken Touristin nicht nach oben ins Hotelzimmer. Sie stand weinend vor dem Fahrstuhl, weil sie ihr etwas versprochen hatte. Ein KGB-Mann, der sie überwachte, | ||
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| + | In Artsakh — dem autonomen armenischen Gebiet unter aserbaidschanischer Verwaltung — konnte sie als Kind keine armenischen Sendungen empfangen. Nur aserbaidschanisches Fernsehen. "Man gewöhnt sich daran, was man sieht und hört. Die eigene Kultur geht verloren." | ||
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| + | Ihr Kernurteil über die Sowjetunion: | ||
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| + | "Wenn unser Nachbar Aserbaidschan ein bisschen vernünftig wäre, könnten wir im Südkaukasus — Georgier, Armenier, Aserbaidschaner — in Frieden leben. Aber man hat es geschafft, alle gegeneinander zu schüren." | ||
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| + | ===== Georgien — drei Schritte vor, fünf zurück ===== | ||
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| + | Am 1. Januar 2025 war Nelly in Tiflis auf der Rustaveli-Straße — bei den Protesten gegen die prorussische Regierung Iwanischwilis. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht aufgeben." | ||
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| + | Iwanischwili, | ||
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| + | "Vor einigen Jahren haben wir uns so gefreut, dass Georgien nahe daran ist, in die EU zu kommen. Wir haben den Kollegen gesagt: 'Ihr seid da, und dann zieht ihr uns mit.' Und dann mussten wir enttäuscht sein." | ||
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| + | Russland hat es geschafft. Nicht mit Panzern — mit Geld und einem Oligarchen. | ||
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| + | ===== Die erste Unabhängigkeit — und ihr Verrat ===== | ||
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| + | Die Revolution für die Unabhängigkeit — Nelly war dabei. Anderthalb Millionen Menschen in einer Stunde. "Alle waren wirklich Brüder. Jeder, der einen Wagen hatte, blieb stehen, wenn jemand in die weiten Regionen wollte. Alle wollten einander helfen." | ||
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| + | Aber dann: Die Führung wurde manipuliert. Der erste Präsident war KGB. Die Verfassung von 1995 wurde gefälscht — indem man Parlamentswahlen und Verfassungsabstimmung auf denselben Tag legte. Die Zeitung, die Nelly mit anderen herausgab, um das Volk aufzuklären, | ||
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| + | Die KGB-Strukturen blieben. Nicht alle — manche KGB-Männer kamen zu Nelly und sagten: "Ich will jetzt meinem eigenen Land dienen." | ||
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| + | "In jeder Hochschule, in jeder Institution gab es einen Raum für Stasi-Leute." | ||
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| + | ===== Die Samtene Revolution — und ihre Grenzen ===== | ||
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| + | Paschinjan ist nicht Nellys Held. Das sagt sie klar. " | ||
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| + | Sie erklärt den Grund: Es ist der einzige Weg. "Ich sehe das als den einzigen Weg zu der wirklichen, echten Unabhängigkeit an — mit Schwierigkeiten." | ||
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| + | Aber sie setzt eine Bedingung: Man muss eine rote Linie haben. Man muss die Wahrheit sagen — vorsichtig, gefühlig, aber mit Gewicht. | ||
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| + | "Wenn ich schweige, dass man in Artsakh jahrhundertealte Kirchen zerstört, dann bin ich selber schuld, dass dann die anderen lügen." | ||
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| + | Das ist der Kern ihrer Kritik an Paschinjan: nicht der Kurs, sondern das Schweigen. Nicht die Realpolitik, | ||
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| + | ===== Der Korridor — der Hals ===== | ||
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| + | Stefan fragt Nelly nach dem Korridor — dem TRIPP, den Aserbaidschan " | ||
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| + | Nelly erklärt es mit einer Karte im Kopf: | ||
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| + | Armenien hat nach dem Verlust von Artsakh noch einen Ausgang nach Süden — die Provinz Syunik, die an Iran grenzt. Das ist der Hals. Wenn Aserbaidschan diesen Korridor unter eigene Kontrolle bringt, ist Armenien eingeschlossen. | ||
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| + | Warum Iran diese rote Linie zieht: " | ||
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| + | Ihre Einschätzung: | ||
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| + | Stefan fragt direkt: Bist du dafür, dass er gemacht wird — aber unter armenischer Kontrolle? | ||
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| + | "Es gibt keine Alternative. Das ist das Einzige." | ||
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| + | Und dann der Satz über Amerika: "Das Einzige Positive, was gratis geschehen ist — Amerika ist jetzt dabei." | ||
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| + | ===== Wings of Unity — und Tatoyan ===== | ||
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| + | Stefan fragt nach Tatoyan und Wings of Unity — der Partei, die für die Rechte der Artsakh-Armenier kämpft und Gzoyans Entlassung am lautesten kritisiert hat. | ||
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| + | Nellys Antwort ist kurz und hart: "Eine graue Maus. Eine prorussische Kraft." | ||
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| + | Das ist ein Urteil, das schmerzt — weil Tatoyan die richtigen Worte sagt. " | ||
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| + | Sie kennt ihn. Sie hat seine Tätigkeit als Ombudsmann gesehen. Und sie traut ihm nicht. | ||
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| + | ===== Der Löwin-Satz ===== | ||
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| + | Stefan nennt Nelly eine " | ||
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| + | "Ich denke nicht, dass das, was ich und viele meiner Freunde machen, lobenswert ist. Das ist ein Muss eines normalen Menschen, eines normalen Bürgers." | ||
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| + | Das ist der Satz, der alles zusammenfasst. Nelly kämpft nicht, weil sie außergewöhnlich ist. Sie kämpft, weil sie es für das Minimum hält. Für das, was jeder tun müsste. | ||
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| + | Und das ist vielleicht das Erschütterndste an ihr: dass sie weiß, wie wenige es tun. | ||
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| + | ===== Was Nelly von Narine unterscheidet — und was sie verbindet ===== | ||
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| + | Narine sagt: Paschinjan ist ehrlich. Ich würde ihn nicht wählen wollen — aber die Alternative ist schlechter. | ||
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| + | Nelly sagt: Paschinjan ist nicht mein Held. Aber sein Weg ist der einzige. Und trotzdem muss man die rote Linie halten. | ||
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| + | Beide unterstützen denselben Mann — aus Erschöpfung, | ||
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| + | Aber Nelly ist 75. Sie hat mehr Geschichte im Körper. Und sie hat eine Schärfe, die aus Jahrzehnten der Enttäuschung kommt — und trotzdem keine Resignation ist. | ||
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| + | Als ihre georgische Kollegin schreibt: "Ich hoffe, ihr schafft es eher als wir" — antwortet Nelly: " | ||
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| + | Das ist das letzte Wort. Kein Ausrufezeichen. Kein langer Satz. Nur: Ja. | ||
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| + | //von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59// | ||
| + | //Basierend auf einem Gespräch mit Nelly Soghomonyan, | ||
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