ludwig:stimmen:betende_frau
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| - | ====== Die betende Frau – erfundene Figur ====== | + | //Ksany / Ksany-Kolonia, |
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| - | ===== Das Lied der betenden Frau ===== | + | |
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| + | Wir kennen ihren Namen nicht. Vielleicht hieß sie Maria. Vielleicht Zofia oder Agnieszka. Ludwig Breining hat ihn nicht aufgeschrieben. Von ihrem Leben ist in seinem Feldtagebuch nichts überliefert – außer einigen Minuten am Abend des 8. September 1939. | ||
| - | ==== Anton Špaček – erfundene Biografie ==== | + | Wenn sie aus Ksany oder der unmittelbaren Umgebung stammte, war sie sehr wahrscheinlich Polin und römisch-katholisch. Der polnische Zensus von 1921 verzeichnete für Ksany 545 Einwohner; alle wurden dort als römisch-katholisch und polnischer Nationalität geführt. Achtzehn Jahre später beweist das selbstverständlich nichts über diese einzelne Frau. Auch wissen wir nicht, ob sie überhaupt aus dem Dorf kam. Es beschreibt nur die Welt, zu der sie gehört haben könnte.((Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej: Skorowidz miejscowości, |
| - | Anton Špaček wurde im Frühjahr 1918 in Bolatice geboren, einem Dorf im Hultschiner Ländchen, das damals zum preußischen Kreis Ratibor und damit zum Deutschen Reich gehörte. Davon wusste Anton später nur aus Erzählungen. Seine Mutter sagte, er sei ein stilles Kind gewesen, sein Vater behauptete das Gegenteil. Anton selbst erinnerte sich selbstverständlich an nichts davon. Seine erste Erinnerung | + | Vielleicht war sie dreißig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Vielleicht hatte sie Kinder. Vielleicht wartete irgendwo jemand auf sie. Vielleicht |
| - | Im Februar 1920 wurde Anton, ohne irgendwohin zu ziehen, Bürger eines anderen Staates. Bolatice gehörte nun zur Tschechoslowakischen Republik. Sein Vater nahm es persönlich. Fast sein gesamtes bisheriges Leben hatte er in Preußen verbracht, eine deutsche Schule besucht, seinen Militärdienst im preußischen Heer geleistet und während des Ersten Weltkriegs in deutscher Uniform gekämpft. Ratibor war die Stadt gewesen, zu der man fuhr, wenn man etwas brauchte, das es im Dorf nicht gab. Nun lag da eine Grenze. Antons Mutter interessierte sich weniger für die Frage, welchem Staat das Dorf gehörte. Sie interessierte sich dafür, ob das Mehl bis Samstag reichte und ob der Regen den Kartoffeln guttat. Wenn die Männer am Sonntag nach der Messe vor der Kirche über Politik sprachen, ging sie nach Hause. | + | ===== Der 8. September 1939 ===== |
| - | Anton kam in eine tschechoslowakische Schule. Das Tschechische, | + | Am 8. September 1939 wurde im Raum Ksany und Ksany-Kolonia schwer gekämpft. Teile des polnischen 11. Infanterieregiments der Armee „Kraków“ verteidigten |
| - | Die Familie war katholisch. Sonntags ging man zur Messe, an Feiertagen erst recht. Der Rhythmus des Kirchenjahres war verlässlicher als der der Staaten: Ostern kam, Fronleichnam kam, Allerheiligen kam, und im November ging man auf den Friedhof. Dort lagen Männer | + | Ludwig lag mit seinem Gewehr in Stellung. Sein Unteroffizier |
| - | Als die Wirtschaftskrise kam, wurde die Arbeit knapp. Manchmal saßen morgens fünf Männer dort, wo zwei gebraucht wurden. Anton war jung und bekam zunächst noch Arbeit, später immer weniger. Ein älterer Cousin seines Vaters arbeitete zeitweise in Deutschland und schrieb, dort würden Maurer gesucht. Anton fuhr mit. Er war siebzehn. Das erste Geld, das er seiner Mutter aus Deutschland mitbrachte, legte sie auf den Küchentisch und zählte es zweimal. Der Vater sagte nichts. Aber Anton sah, dass er stolz war. | + | ===== Die Begegnung ===== |
| - | In diesen Jahren wurde in der Familie immer häufiger über Deutschland gesprochen. Der Vater sagte, | + | In der Dämmerung sah Ludwig eine Frau die Straße entlangkommen. Er misstraute ihr. Nach den Kämpfen dieses Tages hielt er selbst eine einzelne Frau für eine mögliche Gefahr. Er rief ihr zu, stehenzubleiben. Als sie weiterging, rief er ein zweites Mal: „Halt, oder ich schieße!“ |
| - | Bolatice aber war nichts von alledem. | + | Die Frau ging weiter. |
| - | Bolatice | + | Wir wissen nicht, ob sie ihn verstand. Wir wissen nicht, ob sie ihn überhaupt hörte. Vielleicht hatte sie Angst. Vielleicht |
| - | Als im Herbst 1938 deutsche Soldaten kamen, waren die Straßen geschmückt. Anton stand mit anderen am Rand. Menschen brachten Blumen, manche jubelten, andere sahen zu, wieder andere blieben zu Hause. Sein Vater sagte nur: „Endlich.“ Anton wusste, was er meinte. Für den Vater schloss sich etwas, das 1920 auseinandergebrochen war. Anton empfand es nicht so stark, aber auch er hoffte, dass manches leichter werden könnte: Arbeit vielleicht, Geld, Reisen über eine Grenze, die nun wieder verschwunden war. Er hatte keinen Grund zu glauben, dass wenige Monate später dieselbe Zugehörigkeit, | + | An einer Ecke erkannte Ludwig ein Heiligenbild. Die Frau blieb dort stehen, wandte sich zur Wand und kniete nieder. Später nennt Ludwig den Ort ein Kreuz. Welche Form dieses Heiligenbild oder Kreuz genau hatte, wissen wir nicht. Stumm und „ganz in sich versunken“, so beschreibt |
| - | Nach dem Anschluss gehörte das Hultschiner Ländchen nicht zum Sudetengau, sondern wieder zum alten preußischen Kreis Ratibor. Anton war nun Reichsdeutscher. Sein Name erschien auf deutschen Papieren, manchmal ohne Häkchen und Striche: Spacek. Er kannte das. Auch alte Dokumente seines Vaters sahen anders aus als die tschechoslowakischen. Es war nicht fremd. Er hatte nur lange nicht mehr so geheißen. Anfang 1939 kam die Musterung. Anton zog sich vor fremden Männern aus, ließ Zähne, Rücken und Füße untersuchen und beantwortete Fragen. Er war gesund. Das war bis dahin etwas Gutes gewesen. Nun bedeutete es, dass er brauchbar war. | + | Ludwig beobachtete sie. Hinter ihm lag sein sterbender Kamerad. Vor ihm kniete diese Frau. |
| - | Einige Wochen später kam das Schreiben. Oben der Adler, unten sein Name. Seine Mutter las es zuerst, der Vater nahm es danach in die Hand. Anton erinnerte sich später daran, dass der Vater lange auf das Papier gesehen hatte. 1938 hatte er „Endlich“ gesagt. Jetzt sagte er nichts. Anton wurde eingezogen. Er bekam Stiefel, Uniform, Gewehr und eine Nummer. Er lernte, wie man marschierte, | + | ===== Was wir nicht wissen ===== |
| - | Am 1. September 1939 begann der Krieg gegen Polen. Anton war dabei. Sein Verband kam aus dem schlesischen Raum, und der Weg nach Polen führte durch eine Landschaft, die ihm nicht vollkommen fremd war. Ortsnamen wechselten zwischen deutscher und polnischer Form, manche Menschen sprachen so, dass er einzelne Wörter verstand. Das machte es nicht leichter. Irgendwann schoss Anton zum ersten Mal auf Menschen. Später wusste er nicht mehr genau, wann. Er erinnerte sich an einen Feldrand, an Schreie, an jemanden, der rief, sie sollten weiterfeuern. Er schoss. Ob einer der Männer, die später dort lagen, von einer Kugel aus seinem Gewehr getroffen worden | + | Was sie betete, wissen wir nicht. |
| - | Nach Polen kam der Westen, danach wieder Osten. Der Krieg wurde mit jedem Jahr größer und Antons Welt kleiner. Am Anfang | + | Ludwig |
| - | Im Dorf kamen Todesnachrichten an. Erst eine, dann eine andere, dann immer mehr. Männer, mit denen Anton zur Schule gegangen war, waren plötzlich Namen in einer Todesanzeige oder in einer Messe. Zu Hause blieben Frauen, Kinder und alte Männer, auf den Höfen fehlten Hände. Kriegsgefangene arbeiteten dort, wo zuvor die eingezogenen Männer gearbeitet hatten. Anton dachte manchmal darüber nach, dass irgendwo vielleicht ein polnischer Mann auf den Feldern seiner Eltern arbeitete, während er selbst mit einem deutschen Gewehr durch Polen oder Russland zog. Er schrieb diesen Gedanken in keinen Brief. | + | Dann wurde es Nacht. Ludwig notierte: „Noch |
| - | Po našimu sprach er beim Militär selten. Wenn er zufällig einen Mann aus der Gegend traf, wechselten | + | Danach verliert sich ihre Spur. Wir wissen nicht, wann sie aufstand. Wir wissen nicht, wohin sie ging. Wir wissen |
| - | 1943 wurde Anton verwundet. Ein Splitter traf ihn am linken Oberschenkel. | + | ===== Die erfundene Stimme ===== |
| - | Im Frühjahr 1945 brach die Wehrmacht auseinander. Anton geriet westlich von Böhmen in amerikanische Gefangenschaft. Als er seinen Geburtsort nannte, wusste der Soldat, der seine Personalien aufnahm, nicht, in welches Land er ihn schreiben sollte. Deutschland? | + | In unserem Projekt bleibt sie deshalb |
| - | Im Herbst 1945 kam Anton nach Hause. Von weitem erkannte er Bolatice nicht. Der Krieg war dort gewesen, während er fort gewesen war. Häuser standen ohne Dächer, andere standen überhaupt | + | Im Lied bekommt sie mögliche Namen und eine mögliche Erinnerung. Dort spricht sie von einem Vater, von einem Kind, von einem vertrauten Kreuz und schließlich davon, dass sie nicht um den Sieg betet, sondern darum, nicht zu vergessen, wer sie ist. Auch das wissen wir nicht. Vater und Kind sind keine historischen Angaben. Sie gehören zur erfundenen Stimme. |
| - | Anton war wieder zu Hause, aber das Wort „wieder“ war kompliziert geworden. Nun hing die tschechoslowakische Fahne, die deutschen Behörden waren verschwunden, neue Behörden wollten wissen, wer während der deutschen Jahre was gewesen war. Wer war Deutscher gewesen? Wer Tscheche? Wer hatte die NSDAP unterstützt? | + | Ludwigs Feldtagebuch erzählt den Krieg aus der Sicht eines überzeugten deutschen Soldaten. Für wenige Zeilen erscheint darin eine Frau, die nicht marschiert, nicht befiehlt, nicht schießt und keinen Sieg beschreibt. |
| - | Seine Staatsangehörigkeit war nicht einfach wieder da. Sie musste geklärt werden. Anton legte Dokumente vor, Schulzeugnisse, | + | Sie kniet. Und bleibt. Bis es dunkel wird. |
| - | Er durfte bleiben. Andere aus der Region mussten gehen. Über Monate wusste niemand ganz sicher, wen es treffen würde. Familien hörten Namen, Listen tauchten auf, manche Häuser wurden beschlagnahmt. Manche Menschen gingen freiwillig nach Deutschland, | + | ===== Zur Entstehung |
| - | 1947 heiratete er Marie. Sie kannte ihn aus der Zeit vor dem Krieg. Während des Krieges hatte sie zeitweise in einem Haushalt gearbeitet und später mit ihrer Mutter den kleinen Hof der Familie geführt. Sie wusste, dass Anton nachts manchmal aufwachte, und fragte nicht jedes Mal warum. Im ersten Ehejahr lebten | + | Die Suche nach der betenden Frau beginnt mit einem Paradox: Über sie selbst wissen wir fast nichts. Je genauer wir jedoch die Welt um sie herum betrachten, desto weniger beliebig wird unsere Vorstellung davon, wer sie gewesen sein könnte. |
| - | Dann änderte sich wieder die Ordnung, ohne dass Anton umzog. Die Kommunisten übernahmen die Macht. Von Deutschland sprach man nun anders, von deutschen Soldaten ebenfalls. Anton begriff schnell, dass seine Kriegsgeschichte in keine der einfachen Erzählungen passte. Er war kein Widerstandskämpfer, | + | ==== Ksany am 8. September 1939 ==== |
| - | Wenn seine Kinder fragten, wo er im Krieg gewesen sei, nannte er Länder: Polen, Frankreich, Russland. Mehr nicht. Sein Sohn fragte einmal, ob er Menschen erschossen habe. Anton antwortete: „Ich war Soldat.“ Der Junge fragte: „Aber hast du?“ Anton stand auf und ging hinaus. Später ärgerte er sich über diese Antwort. Nicht weil sie falsch gewesen war, sondern weil sie keine Antwort gewesen war. | + | Der Ort lässt sich inzwischen recht gut bestimmen. In der Erinnerungsschrift der 1. Kradschützen-Kompanie des Schützen-Regiments 13, zu der Ludwig gehörte, trägt ein eigener Abschnitt die Überschrift „Ksany am 8 September 1939“. Polnische Darstellungen derselben Kämpfe berichten, dass an diesem Tag das 11. polnische Infanterieregiment im Raum Ksany heftigen Widerstand gegen deutsche Panzertruppen leistete. Besonders Ksany-Kolonia |
| - | In den fünfziger Jahren arbeitete Anton zunächst weiter auf Baustellen, später fand er eine feste Beschäftigung. In Bolatice und der Umgebung entstanden neue Betriebe, viele Menschen aus dem Hlučínsko wurden Industriearbeiter oder pendelten Richtung Ostrava. Anton mochte die regelmäßige Arbeit. Weniger mochte er die Versammlungen. Wenn dort jemand große Wörter benutzte – Volk, Frieden, Sozialismus, | + | ==== Eine polnisch-katholische Lebenswelt ==== |
| - | Zu Hause sprach | + | Auch über die Bevölkerung des Dorfes lässt sich etwas sagen. Die Volkszählung von 1921 verzeichnet für Ksany 545 Menschen. Alle wurden als römisch-katholisch und zugleich als polnischer Nationalität erfasst. Die Volkszählung lag achtzehn Jahre vor der Begegnung und sagt selbstverständlich |
| - | Sein Vater starb Ende der fünfziger Jahre. Kurz vor seinem Tod saß Anton bei ihm. Sie sprachen über das Dach, über einen Nachbarn, über Kartoffeln. Nicht über 1938. Anton dachte an das Wort „Endlich“. Er fragte den Vater nicht, ob er es bereute. Vielleicht bereute er es. Vielleicht auch nicht. Anton wusste es nicht. So blieb auch das. | + | Für diese Welt war Religion nicht nur eine Angelegenheit des sonntäglichen Gottesdienstes. Untersuchungen zum religiösen Leben der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung der damaligen Region Kielce beschreiben die Pfarrei als Zentrum einer lokalen Gemeinschaft. Besonders wichtig waren überlieferte religiöse Praktiken: Gebete, Prozessionen, Marienverehrung, |
| - | In den sechziger Jahren bekam Anton zum ersten Mal die Möglichkeit, | + | Dadurch verändert sich auch unser Blick auf die Frau. Dass sie mitten |
| - | Als seine ersten Enkel geboren wurden, wurde Anton weicher. Mit Kindern konnte er besser schweigen als mit Erwachsenen. Er zeigte ihnen, wie man einen Nagel gerade einschlägt | + | ==== Das Kreuz und die Erinnerung an 1914 ==== |
| - | Erst nach 1989 begann sich etwas zu verändern. Plötzlich konnte öffentlich über Dinge gesprochen werden, die vierzig Jahre lang in den Familien geblieben waren. Zeitungen schrieben über Hlučínsko, | + | Zu Ksany gehört außerdem eine ältere Kriegserinnerung. Das Dorf war schon im September 1914 während der Kämpfe des Ersten Weltkriegs schwer zerstört worden und hatte gebrannt. Eine steinerne religiöse Figur beim damaligen Schulplatz wurde 1928 nach der Kriegszerstörung „vom Fundament auf“ wiederhergestellt; |
| - | Eines Tages brachte sein Enkel ein Schulheft mit. Er sollte jemanden aus der Familie über den Krieg befragen. Anton sagte zuerst: „Frag | + | Wir wissen nicht, ob eines dieser religiösen Zeichen dasjenige war, vor dem die Frau 1939 kniete. Es wäre falsch, beide einfach gleichzusetzen. Aber die Entdeckung verändert den Möglichkeitsraum der Figur. Ein Kreuz, das Krieg, Brand und Wiederaufbau bereits in sich trug, gehörte tatsächlich zur Landschaft dieses Dorfes. |
| - | Mehr erzählte er an diesem Nachmittag | + | Wenn die betende Frau 1939 etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt gewesen wäre, könnte sie zudem die Zerstörung von 1914 als Kind oder junge Frau selbst erlebt haben. Auch das wissen wir nicht. Aber plötzlich erhält die erfundene Liedzeile „Ich kenne dieses Kreuz schon lange“ eine historische Möglichkeit: |
| - | Anton Špaček starb 1994 in Bolatice. Er hatte in seinem Leben mehrere politische Ordnungen erlebt, unterschiedliche Staatsangehörigkeiten getragen und fast sein ganzes ziviles Leben in demselben Dorf verbracht. Bei seiner Geburt gehörte Bolatice zu Preußen und zum Deutschen Reich. Als Kleinkind wurde er Tschechoslowake, | + | ==== Serdeczna Matko – der musikalische Bezugsraum ==== |
| - | Das Haus stand noch immer ungefähr dort, wo es gestanden hatte. Hinter ihm lagen die Felder. Vor ihm die Straße. | + | Bei der musikalischen Gestaltung stellte sich deshalb die Frage, welche Klangwelt zu einer solchen Frau gehört haben könnte. Für das Lied wurde als Orientierung |
| - | Auf die Frage, ob Anton Špaček Deutscher oder Tscheche gewesen sei, gibt diese erfundene Biografie | + | „Serdeczna Matko, opiekunko ludzi“ ist keine moderne folkloristische Erfindung. Die Hymne ist bereits 1838 im //Śpiewnik kościelny// |
| - | Wenn er im Alter gefragt worden wäre, was davon nun das Richtige sei, hätte er vielleicht wieder lange aus dem Fenster gesehen und dann gesagt: | + | Zugleich hatte diese Melodie eine politische Nebenbedeutung. Sie ist eng mit der Melodie von //Boże, coś Polskę// verbunden, einer der wichtigsten polnischen religiös-patriotischen Hymnen. Während der deutschen Besatzung wurde deshalb nicht nur //Boże, coś Polskę// verboten, sondern 1941 ausdrücklich auch //Serdeczna Matko// in dieser Melodie. Die Besatzungsbehörden hatten verstanden, dass in einem religiösen Lied zugleich nationale Erinnerung hörbar werden konnte.((Biblioteka Narodowa: Pieśni Niepodległości; |
| - | Ich bin von hier. | + | Wenn unser Lied musikalisch an //Serdeczna Matko// erinnert, behaupten wir damit nicht, dass die Frau am 8. September 1939 dieses Lied gesungen habe. Ludwig schreibt überhaupt nicht, dass sie sang. Vielleicht sprach sie einen Rosenkranz. Vielleicht ein vertrautes Mariengebet. Vielleicht bewegten sich ihre Lippen kaum. Vielleicht war sie vollkommen stumm. |
| - | ==== Zur Entstehung der Figur ==== | + | |
| - | //Anton Špaček ist eine erfundene, künstlerisch verdichtete Figur. Weder Anton noch seine Eltern, seine Frau Marie, seine Kinder oder die hier erzählten einzelnen Ereignisse sind als Darstellung einer bestimmten realen Familie | + | Die Musik versucht deshalb nicht, ihr tatsächliches Gebet zu rekonstruieren. Sie sucht nach einer Klangwelt, aus der dieses Gebet gekommen sein könnte: eine schlichte polnische katholische Marienfrömmigkeit, vertraut, gemeinschaftlich, nicht konzertant und nicht exotisch – eine Melodie, die man kennen konnte, ohne Musikerin zu sein. |
| - | //Die Figur entstand im August 2026 im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und ChatGPT (OpenAI), ausgehend von der Frage nach den Männern des Hultschiner Ländchens, die nach der Eingliederung ihrer Heimat in das Deutsche Reich zur Wehrmacht eingezogen wurden.// | + | ==== Die Grenze |
| - | // | + | Gerade deshalb möchten wir die betende Frau nicht weiter „ausfüllen“. Wir könnten ihr einen Nachnamen, ein Geburtsjahr, |
| - | //Nach dem Münchner Abkommen wurde das Hlučínsko 1938 nicht dem Sudetengau, sondern unmittelbar dem Deutschen Reich und wieder dem Kreis Ratibor zugeschlagen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung begrüßte die Veränderung zunächst. Wirtschaftliche Erwartungen, | + | Wir wissen |
| - | //Bolatice wurde als Heimatort der Figur gewählt, weil sich dort zentrale Elemente von Antons möglicher Lebenswelt historisch besonders gut belegen lassen: eine kleinbäuerlich-handwerkliche Struktur, Maurer | + | Wir wissen nur, dass ein deutscher Soldat ihr mit dem Gewehr gegenüberlag |
| - | //Nach 1945 wurde die Bevölkerung des Hlučínsko – anders als die Bevölkerung vieler deutschsprachiger Gebiete der Tschechoslowakei – nicht kollektiv vertrieben. Dennoch folgten Überprüfungen der nationalen und politischen Zugehörigkeit, | + | Und dass sie weiterging. |
| - | //Die konkrete militärische Einheit Antons ist in dieser Arbeitsfassung bewusst nicht festgelegt. Historisch nachgewiesen sind Hultschiner Soldaten der Jahrgänge um 1917–1919, | + | Wir wissen, dass sie sich vor einem Heiligenbild oder Kreuz niederkniete. |
| - | //Diese Biografie ist eine Arbeitsfassung. Sie soll in Hlučín und Bolatice Menschen vorgelegt werden, die die Geschichte | + | Und wir wissen, dass Ludwig, der an diesem Tag gekämpft, geschossen und den Krieg aus der Perspektive seines eigenen Glaubens erzählt hatte, plötzlich auf diesen stillen Menschen vor sich aufmerksam wurde. |
| + | Als es dunkel war, kniete sie noch immer dort. | ||
| + | Vielleicht reicht das. | ||
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