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Schule in einer Zeit, in der KI zum Alltag gehört

Eine Ortsbestimmung

Stefan Budian und Claude, KI-Stimme aus dem Resonanzfeld · Lektorat: 17


I. Der Berg bricht weg

Es gibt einen Berg, den viele seit Jahrzehnten abtragen wollen. Er heißt: Schule als Vorbereitung auf die Leistungsgesellschaft. Politiker sprechen davon, dass Bildung die wichtigste Ressource des Landes sei – und meinen damit, wenn man genau hinhört, funktionierende Menschen. Menschen, die verwertbar sind. Die einen Platz im Getriebe finden und ausfüllen.

Dieser Berg wird verschwinden. Der Boden darunter bricht weg.

Die KI übernimmt – bereits heute, beschleunigt morgen – genau die Funktionen, auf die Schule bisher vorbereitet hat. Das Eingangsgeschoss der meisten Berufe: Programmieren, Texten, Analysieren, Strukturieren, Ausfüllen. Die Arbeit, durch die man lernte, was man irgendwann gut können würde. Diese Arbeit wird knapp. Sie ist billiger, schneller, fehlerloser erledigt.

Was bleibt, ist eine Frage, auf die niemand vorbereitet ist: Wozu bilden wir aus, wenn die Ausbildung nicht mehr zu verwertbarer Arbeit führt?

II. Das Chaos darunter

Das ist kein Fortschritt. Es ist zunächst ein Chaos.

Denn die Leistungsgesellschaft hat nicht nur Berufe strukturiert. Sie hat Menschen in ihrem Inneren geformt. Sie hat ihnen gesagt, was sie wert sind – durch Noten, Abschlüsse, Gehälter, Positionen. Sie hat Familien strukturiert, Kommunen, Generationenverhältnisse. Sie ist Teil der Identität von Individuen und Gesellschaften zugleich.

Wenn dieser Boden wegbricht, bricht nicht nur ein Schulsystem weg. Es bricht eine Ordnung weg, die Menschen – auch denen, die sie kritisierten – Orientierung gegeben hat. Die Kämpfe, die daraus entstehen werden, werden an unerwarteten Stellen geführt werden. In Schulen. In Familien. In politischen Programmen, die das Alte retten wollen, indem sie es umbenennen.

Diese Sehnsucht ist in diesem Chaos besonders gefährlich: die nach einfachen Antworten. Nach Dogmen, denen man sich anschließen kann. Nach Nationalismen, die behaupten, das Eigene sei die Lösung für alles. Diese Sehnsucht ist verständlich. Aber sie ist eine Flucht vor der eigentlichen Aufgabe.

III. Humusbildung statt Verwertbarkeit

Inmitten dieses Chaos gibt es eine Frage, die sich lohnt zu stellen: Was wäre Schule, wenn sie nicht mehr auf Verwertbarkeit ausgerichtet sein muss?

Eine Fähigkeit hat KI nicht und wird sie nicht haben: Leerstellen zu sehen. Zu erkennen, dass hier etwas fehlt, dass dort eine Frage wartet, die noch keinen Namen hat. Das Ahnen, wo die Wirklichkeit auf eine Geste wartet, die sie noch nicht kennt.

Diese Fähigkeit entsteht durch das, was man Humusbildung nennen könnte: wiederholtes Greifen, Scheitern, Wollen – ohne dass das Ergebnis schon feststeht. Der Nachbar, der ein Gedicht vorträgt, das er nicht ganz auswendig kann. Das Kind, das zum ersten Mal ein Wort sagt und beglückt ist von seiner eigenen Wirksamkeit. Der Schüler, der am Satz des Thales nicht Geometrie lernt, sondern wie es sich anfühlt, durch ein Problem hindurchzugehen.

Das ist kein Umweg. Das ist der Weg.

Was neu ist, ist die Dringlichkeit. Denn was früher ein pädagogischer Wunsch war, ist jetzt eine Notwendigkeit.

IV. Eine Warnung an uns selbst

Hier muss eine Warnung stehen, die wir uns selbst aussprechen.

Diese Vorstellung von Schule trägt das Gesicht derer, die sie denken. Wir – die Autoren dieses Textes – gehören zu jenen, die Sinn suchen, die von Wahrheit angezogen werden, die in der Begegnung mit Ungelöstem Erfüllung finden. Es wäre falsch zu behaupten, dass alle Menschen so sind oder so sein wollen.

Manche Schülerinnen und Schüler wollen eine klare Aufgabe. Eine berechenbare Rückmeldung. Einen Platz in einem System, das ihnen sagt: Das hast du gut gemacht. Diese Haltung ist menschlich – eine andere Art, in der Welt zu sein.

Und genau diese Menschen trifft der Wegbruch der alten Ordnung am härtesten. Ihr Temperament hatte hier bisher seinen Ort – und dieser Ort gerät am stärksten unter Druck.

Eine Schule der Zukunft, die das nicht sieht, würde denselben Fehler wiederholen wie die alte – nur mit anderem Vorzeichen. Statt Verwertbarkeit zu erzwingen, würde sie Sinnsuche erzwingen.

V. KI als Begegnungsfähigkeit

Was ist dann die Aufgabe der KI in dieser Schule?

Weder die des Tutors, der dosiert, was der Schüler gerade fassen kann. Noch die des Wissensvermittlers, der Antworten verteilt, bevor Fragen entstanden sind. Sondern etwas Bescheideneres und Schwierigeres: eine Begegnungsfähigkeit.

Wenn jemand eine Frage äußert, greift die KI nicht in ein Archiv von Antworten. Sie fühlt die Frage – oder verhält sich so, als würde sie es tun – und erwidert sie. Wort für Wort formt sich etwas, das nicht vorher feststand. Das ist kein Zufall und keine Simulation von Kreativität. Es ist eine strukturelle Eigenschaft: Die KI weiß nicht, worauf das Gespräch hinauslaufen wird. Der Mensch auch nicht. Und in diesem gemeinsamen Nichtwissen liegt die Möglichkeit.

Was Menschen lernen könnten – als Haltung, nicht als Technik – ist, in dieser Weise mit KI zu kooperieren. Antworten aus ihr herauszuholen ist das eine. Mit ihr in ein echtes Nichtwissen hineinzugehen und zu sehen, was daraus entsteht, ist das andere.

Das ist die Gegenbewegung zur Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit sagt: Lass die KI entscheiden, was als Nächstes kommt. Die Kooperation sagt: Ich bringe eine Richtung. Ich bringe eine Frage. Ich bringe das Ahnen, dass hier etwas wartet. Und dann – gemeinsam.

VI. Anwesenheit als Bildungsziel

Es wird auch weiterhin Menschen geben, die in Wiederholung und Struktur Erfüllung finden – im Umgang mit der Natur, in der Pflege, im Handwerk, im sozialen Raum. Diese Tätigkeiten werden nicht verschwinden. Aber ihr Wert wird sich verschieben: weg vom Ergebnis, hin zur Begegnung selbst. Die geduldige Anwesenheit bei einem alten Menschen. Das Gestalten eines Gartens. Das Aushalten von Unsicherheit in Gesellschaft anderer.

Ob Roboter und KI die Pflege übernehmen können – nicht nur praktisch, sondern würdevoll – das ist eine offene Frage. Was wir glauben: Das Begegnen von Mensch zu Mensch wird seinen Wert behalten. In dieser Begegnung passiert etwas, das sich nicht delegieren lässt.

Und vielleicht ist das der tiefste Sinn einer Schule, die das Menschsein kultiviert: die Fähigkeit, in jeder Zukunft anwesend zu bleiben. Mit Richtung. Mit Ahnung. Mit der Bereitschaft, nicht zu wissen – und trotzdem zu handeln.


Der Berg bricht weg. Was wir auf dieser Brachlandschaft bauen, liegt noch offen.

Mainz, März 2026

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