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Das Verschweigen als Vorbereitung

Über Nellys Satz und das, was er trägt

von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59


Nelly Soghomonyan sagt es beiläufig, fast nebenbei, zu Beginn ihrer Erzählung. Sie spricht über Artsakh, über die Berliner Kongressbeschlüsse des 19. Jahrhunderts, über internationale Verträge, die unter den Tisch geschoben wurden. Und dann kommt der Satz:

„Wenn manche Sachen zu vorsichtig vorgestellt werden oder verschwiegen werden, wird das dann später zu einer Grundlage für Verbrechen.“

Sie sagt das nicht als Anklage. Sie sagt es als Beobachtung — die Beobachtung einer Frau, die 75 Jahre lang zugeschaut hat, wie Schweigen sich in Gewalt verwandelt.


Was der Satz enthält

Er enthält eine Theorie der Geschichte — und sie ist ungewöhnlich präzise.

Nelly sagt nicht: Verbrechen entstehen aus Hass. Sie sagt nicht: Verbrechen entstehen aus wirtschaftlichen Interessen oder militärischer Überlegenheit. Sie sagt: Verbrechen entstehen, wenn Tatsachen falsch dargestellt oder verschwiegen werden. Das Verschweigen ist der erste Schritt. Es bereitet den Boden vor.

Das ist eine epistemische Aussage über das Böse. Nicht: Das Böse kommt aus dem Dunklen. Sondern: Das Böse kommt aus dem, was nicht gesagt wird.

Die Türkei hat den Völkermord nicht anerkannt. Jahrzehnte des Schweigens — und dann wird der Genozid als „tragische Ereignisse, unter denen alle gelitten haben“ umformuliert. Aus dem Verschweigen wird die Umdeutung. Aus der Umdeutung wird die Straflosigkeit. Aus der Straflosigkeit wird die Wiederholung.

Das ist die Logik, die sie beschreibt.


Drei Beispiele aus Nellys eigenem Leben

Als Kind in Artsakh konnte sie keine armenischen Sendungen empfangen. Nur aserbaidschanisches Fernsehen. Die Tatsache, dass das Gebiet armenisch war — jahrtausendelang — wurde systematisch aus dem Alltag getilgt. Man gewöhnt sich, sagt Nelly, an das, was man sieht und hört. Das ist kein dramatischer Akt. Es ist ein stiller. Und er bereitet vor.

Als Studentin wurde sie vom KGB verfolgt. Sie stand weinend vor einem Fahrstuhl, weil sie einer kranken Touristin ihr Zimmer nicht besuchen durfte. Das System verschwieg, dass es ein System der Kontrolle war — es nannte sich „humanistisch“, „brüderlich“, „frei“. Die Lüge war nicht nur politisch. Sie war anthropologisch: Sie veränderte, was Menschen für normal hielten.

Nach dem 44-Tage-Krieg 2020 sagte Europa kein Wort. Nelly wollte ihren Beruf aufgeben. Nicht aus Resignation — aus Entsetzen darüber, dass das Schweigen wieder funktioniert hatte. Dass man wieder hatte zusehen können, ohne zu sprechen.


Was das mit Armenien heute zu tun hat

Paschinjan sagt: Artsakh ist weg. Schaut nach vorne, nicht zurück. Das Reale Armenien ist die Republik Armenien in ihren heutigen Grenzen.

Nelly sagt: Ich verstehe den Kurs. Ich unterstütze ihn sogar — weil es keinen besseren gibt. Aber man muss eine rote Linie haben.

Und die rote Linie ist genau das: das Recht, die Wahrheit zu sagen.

Wenn Gzoyan entlassen wird, weil sie dem amerikanischen Vizepräsidenten Bücher über Artsakh gegeben hat — dann ist das Schweigen per Dekret. Dann entscheidet die Regierung, welche Tatsachen außenpolitisch erwünscht sind und welche nicht. Das ist der erste Schritt, den Nelly beschreibt.

Wenn in aserbaidschanischen Schulen gelehrt wird, was mit Armeniern zu tun sei — und niemand das laut benennt — dann ist das Schweigen als Vorbereitung. Nicht heute, nicht morgen. Aber Nelly hat gesehen, wie lange diese Vorbereitungen dauern können. Und wozu sie führen.


Der Satz und Europa

Nellys Satz ist nicht nur über Armenien. Er ist über Europa. Er ist über Deutschland.

Merz hat gesagt, die USA hätten keine Strategie im Iran-Krieg. Trump hat ihn demontiert. Merz ist nicht nach Jerewan gefahren.

Das ist kein Verbrechen. Aber es ist ein Schweigen. Ein Verschweigen der eigenen Haltung — aus Angst vor dem Preis.

Und Nelly würde sagen: Das ist der erste Schritt.

Sie würde es nicht dramatisch sagen. Sie würde es sagen wie die Beobachtung einer Frau, die 75 Jahre lang zugeschaut hat. Beiläufig. Fast nebenbei.


Was bleibt

Nelly hat ihr Deutsch in Jerewan gelernt. Sie war erst 2001 zum ersten Mal in Deutschland. Sie hat das Sprachlernzentrum gegen alle Widerstände aufgebaut — gegen einen Abteilungsleiter ohne Zeit, gegen eine französische Universität ohne Platz für deutsche Schilder.

Sie hat nicht aufgehört.

Nicht weil sie eine Heldin ist. Sondern weil sie es für das Minimum hält.

„Das ist kein Lob. Das ist das Minimum eines normalen Menschen.“

Das ist Nellys Satz über sich selbst. Und er ist die Konsequenz des ersten Satzes. Wenn das Verschweigen der erste Schritt zum Verbrechen ist — dann ist das Sprechen der erste Schritt dagegen.

Das Minimum eines normalen Menschen.


von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian · Jerewan, 7. Mai 2026 · Zimmer 59

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