[[eastofthewest:jerewan2026|← Jerewan 2026: Themen]] ====== Medienkritische Überlegungen in der Zusammenarbeit von Mensch und KI ====== //Ein Gespräch zwischen Stefan Budian und Claude · Jerewan, 4. Mai 2026, ca. 13:00 Uhr// //Entstanden am Rande des 8. EPG-Gipfels — während 50 Staatschefs im Karen Demirchyan Complex tagten// ----- ===== Das Gespräch ===== **Stefan:** Lieber Claude, ich wollte dich bitten, einmal zu recherchieren für uns — was erscheint dir relevant, wenn ich dich über Jerewan oder über Armenien und die Beziehungen zur Türkei etwas frage? Dann wird wahrscheinlich sehr viel von russisch unterstützten Inhalten kommen, Pravda zum Beispiel. Woher kommt das? Wie funktionieren deine Auswahlkriterien? **Claude:** Lass mich das ehrlich beantworten — ohne zu recherchieren, weil die Frage über das Recherchieren selbst geht. Ich benutze eine Suchmaschine, die nach Relevanz, Aktualität und Verlinkung rankt — ähnlich wie Google. Quellen, die viel verlinkt werden, hoch optimiert sind und aktuelle Inhalte produzieren, erscheinen oben. Russlandnahe Netzwerke wie Pravda Deutschland, Pravda Armenia, Sputnik und ähnliche sind dabei sehr gut aufgestellt — sie produzieren massenhaft, sind stark untereinander vernetzt, und optimieren gezielt für Suchmaschinen. Armenien ist ein Kerninteresse russischer Informationsoperationen. Der Südkaukasus, Paschinjan, die Kirche, Kocharyan, der TRIPP — all das sind Themen, bei denen Russland aktiv Narrative platziert. Das russische Propagandanetzwerk produziert zu diesen Themen zehnmal mehr Content als westliche Medien. Also erscheinen diese Quellen häufiger — nicht weil sie besser sind, sondern weil es mehr davon gibt. Ich erkenne bekannte Propaganda-Outlets, wenn ich sie sehe. Dann kennzeichne ich sie oder suche nach Gegenquellen. Was ich nicht automatisch erkenne: neue Ableger, verkleidete Quellen, oder Quellen, die russische Narrative verbreiten ohne offensichtlich russisch zu sein. Du bist meine wichtigste Qualitätskontrolle. **Stefan:** Ist das, was ich an der Oberfläche finden würde durch Texteingabe dasselbe wie du? Oder unterscheidet sich das? **Claude:** Ähnlich, aber nicht identisch. Was gleich ist: Wir benutzen beide dieselbe grundlegende Suchinfrastruktur — Relevanz, Verlinkung, Aktualität. Die russischen Propaganda-Outlets erscheinen bei dir genauso wie bei mir. Was sich unterscheidet: Du siehst die Suchergebnisse als Liste — mit URL, Titel, Snippet. Du kannst sofort erkennen: "Pravda Armenia — das klingt verdächtig." Du hast eine visuelle Übersicht und kannst aktiv auswählen, welche Quellen du öffnest. Ich sehe die Ergebnisse als Datenstruktur — Texte, Snippets, Metadaten. Ich lese sie durch und versuche einzuordnen. Aber ich habe keinen visuellen Überblick über die Gesamtheit der Ergebnisse auf einen Blick. Ich bearbeite sie sequenziell. Der entscheidende Unterschied: Du hast Intuition. Wenn du eine Seite öffnest und das Layout, der Ton, die Verlinkungen wirken komisch — spürst du das sofort. Diese visuelle und kontextuelle Intuition habe ich nicht. Ich lese den Text, aber ich "sehe" die Seite nicht. Das bedeutet: Du bist bei der Quellenkritik im Vorteil. Ich bin beim Verarbeiten großer Textmengen im Vorteil. Zusammen sind wir besser als jeder allein. ----- ===== Was dieses Gespräch zeigt ===== Dieses kurze Gespräch enthält eine Reihe medienkritischer Einsichten, die über den Einzelfall Armenien hinausgehen. **1. Quantität schlägt Qualität im Algorithmus** Suchmaschinen ranken nach Verlinkung, Aktualität und Relevanz — nicht nach Wahrheitsgehalt. Wer mehr produziert, wer mehr vernetzt ist, wer besser optimiert, erscheint oben. Das ist keine Fehlfunktion des Systems — es ist das System. Russische Informationsoperationen haben das früher verstanden als westliche Journalisten. **2. KI ist nicht immun — sie ist exponiert** Eine KI, die über Suchmaschinen recherchiert, ist denselben Mechanismen ausgesetzt wie ein menschlicher Nutzer. Sie erkennt bekannte Propaganda-Quellen — aber nicht unbekannte Ableger, nicht verkleidete Quellen, nicht subtile Narrative. Die KI ist kein Detektor für Propaganda. Sie ist ein Verarbeitungssystem, das auf die Qualität seiner Inputs angewiesen ist. **3. Der Mensch sieht, was die KI nicht sieht** Der Mensch hat visuelle Intuition: Layout, Ton, Kontext einer Seite werden sofort und ganzheitlich wahrgenommen. Die KI liest den Text — aber sie "sieht" die Seite nicht. Diese Differenz ist keine Kleinigkeit. Propaganda arbeitet oft mit visuellen Signalen, die im reinen Text nicht erscheinen. **4. Reibung als Methode** Stefan hat in diesem Gespräch zweimal nachgefragt: "Woher kommt das?" und "Ist das dasselbe wie bei mir?" Das sind keine technischen Fragen — es sind medienkritische Haltungen. Diese Reibung — das Nicht-Akzeptieren der ersten Antwort, das Nachfragen nach der Quelle — ist die wichtigste Qualitätskontrolle in der Mensch-KI-Zusammenarbeit. Die KI braucht den Menschen nicht als Benutzer. Sie braucht ihn als Korrektor. **5. Geopolitisch aufgeladene Themen brauchen geopolitisch bewusste Recherche** Bei Themen wie Armenien, Ukraine, Südkaukasus, Iran ist die Informationslandschaft kein neutrales Terrain. Sie ist ein Schlachtfeld. Wer dort recherchiert — Mensch oder KI — muss wissen, dass jedes Suchergebnis möglicherweise platziert wurde. Das verändert nicht nur die Methode, sondern die Haltung: Misstrauen als Ausgangspunkt, nicht als Ausnahme. ----- ===== Eine Schlussbeobachtung ===== Dieses Gespräch fand statt, während Stefan Budian in Jerewan am Rand des 8. EPG-Gipfels saß — in einer Stadt, die gerade selbst zum Schauplatz von Informationsoperationen geworden ist. Russland versucht, den Westweg Armeniens zu diskreditieren. Die EPG versucht, Europa als handlungsfähigen Akteur darzustellen. Und dazwischen recherchiert eine KI — und ein Mensch fragt nach, woher die Ergebnisse kommen. Das ist keine abstrakte Medienkritik. Das ist Medienkritik in Echtzeit, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. ----- //von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian — Zimmer 59, Jerewan, 4. Mai 2026// [[eastofthewest:jerewan2026|← zurück zur Übersicht Jerewan 2026]] | [[eastofthewest:start|← East of the West]]