[[ludwig:stimmen:start|← Stimmen]] | [[ludwig:start|Ludwig – Überfall und Überzeugung]] ====== Wiktor Kowalik (erfundene Figur) ====== //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939// //entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), August 2026; redaktionell weiterentwickelt im Gespräch mit ChatGPT (KI)// {{jPlayerPlaylist>:ludwig:stimmen:wiktor: }}\\ [[.wiktor:lyrics|Wiktors Lied: Texte]] ---- ===== Eine Figur ohne Quelle ===== Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor. Bei manchen anderen Stimmen dieses Projekts gibt es wenigstens eine Spur in der Quelle: einen Menschen am Straßenrand, einen Satz, eine Beobachtung. Bei Wiktor fehlt selbst das. Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Das Verfahren funktioniert nur, wenn der andere unsichtbar bleibt, bis er schießt. Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. Wiktor ist der Versuch, diese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert. Er ist erfunden aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Morgen an dieser Straße gelegen haben könnte, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung. Die Figur ist erfunden. Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht. ===== Der Ort und der Tag ===== Ludwigs Verband, die 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze und rückte über den Raum Rybnik in Richtung Żory vor.((Zum Aufmarsch und Vormarsch der 5. Panzer-Division im Rybniker Abschnitt vgl. Jan Delowicz: //Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r.//, Żory 2009, sowie die lokalen Darstellungen zur Septemberkampagne in Żory und Umgebung.)) Gegenüber lag die polnische Abteilung „Rybnik“. Ihr Auftrag war widersprüchlich: die Stärke des Gegners erkennen, ihn so lange wie möglich aufhalten, sich dabei nicht zerschlagen lassen und anschließend auf Kobiór zurückgehen. Die polnische Hauptverteidigungslinie lag weiter östlich. Rybnik und Żory gehörten zum Vorfeld. In den Tagen zuvor waren am Stadtrand Schützengräben und Verbindungsgräben ausgehoben worden. Zivilisten halfen bei den Arbeiten. Am 30. August versammelten sich Menschen auf dem Marktplatz von Żory und schworen, Polen zu verteidigen. Am Morgen des 1. September erschien deutsche Aufklärung in den Wäldern nördlich der Stadt. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ die Deutschen herankommen, bevor er das Feuer eröffnete. Dort liegt Wiktor. ===== Wiktor Kowalik ===== Wiktor Kowalik wird im März 1908 in Będzin geboren, damals noch eine Stadt in der ehemaligen russischen Teilungsregion. Sein Vater arbeitet auf der Grube, seine Mutter nimmt Wäsche an. Als Polen 1918 wieder ein eigener Staat wird, ist Wiktor zehn Jahre alt. Będzin ist eine Industriestadt. Auf dem Felsen steht die alte Burg, darunter liegen Schächte, Werkstätten und Zinkwalzwerke. Ein großer Teil der Bevölkerung ist jüdisch; bei der Volkszählung von 1921 sind es mehr als sechzig Prozent der Einwohner.((Der Zensus von 1921 verzeichnete für Będzin 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 Prozent der Stadtbevölkerung; bei Kriegsausbruch waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin: Historia społeczności.)) Auf dem Markt hört Wiktor Polnisch und Jiddisch nebeneinander. Für ihn ist das nichts Besonderes. Es ist einfach der Klang seiner Stadt. Nach der Schule lernt er Schlosser. Mit einundzwanzig wird er zum Militär eingezogen. Zwei Jahre Infanterie, Kasernenhof, Schießstand. Er ist kein besonders guter Soldat und kein besonders schlechter. Danach kehrt er nach Będzin zurück und arbeitet wieder mit Metall, Förderwagen, Lagern und Maschinen. 1931 lernt er auf einer Hochzeit Agnieszka Zając kennen. Sie ist Näherin und zwei Jahre jünger als er. Im Herbst 1932 heiraten sie. Paweł wird 1933 geboren, Ludka 1937. Sie leben in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs. Im Hof hängen mehrere Familien ihre Wäsche auf. Am Schuppen ist das Dach undicht. Wiktor hat Blech besorgt, um es zu reparieren, aber die Arbeit immer wieder aufgeschoben. Seit Wochen steht die Leiter an der Wand. Wiktor ist in keiner Partei. Politik interessiert ihn, aber sie ist nicht das Zentrum seines Lebens. Er hält sie eher für etwas, das über einen kommt wie Wetter: Man kann sich darauf einstellen, aber man macht es nicht selbst. Auch dass er Pole ist, beschäftigt ihn nicht besonders. Es ist für ihn so selbstverständlich wie die Tatsache, dass er Schlosser ist, mit Agnieszka verheiratet ist und zwei Kinder hat. Im Sommer 1939 wird in der Werkstatt viel über Deutschland gesprochen. Wiktor sagt wenig. Er glaubt, was damals vernünftig erscheint: Wenn es Krieg gibt, muss Polen einige Zeit standhalten. Dann werden Frankreich und Großbritannien eingreifen. Er hält das nicht für Heldentum. Eher für Arithmetik. Am 27. August kommt seine Einberufung. Agnieszka packt Hemden, etwas zu essen und einen Rosenkranz ein, um den er sie nicht gebeten hat. Paweł darf mit zum Bahnhof. Ludka bleibt zu Hause. Der Zug bringt Wiktor über Katowice in den Raum Rybnik und Żory. Dort werden Reservisten den vorhandenen Einheiten zugeteilt. Sie graben Stellungen. Der Sommer ist trocken, der Boden hart. Am Abend des 31. August liegt Wiktor mit anderen Männern am Waldrand nördlich von Żory. Sie bleiben die ganze Nacht dort. Am Morgen des 1. September kommen Motorräder. ===== Wo die Erfindung aufhört ===== Hier endet Wiktors Biografie. Nicht weil wir wissen, dass er an diesem Morgen stirbt. Und auch nicht, weil wir wissen, dass er überlebt. Wir wissen beides nicht. Was den polnischen Soldaten dieses Abschnitts anschließend geschah, war sehr verschieden. Manche fielen. Andere zogen wie befohlen nach Osten zurück. Manche gerieten in Gefangenschaft. Einige erreichten weitere Verteidigungslinien. Für Wiktor wäre jede dieser Fortsetzungen gleich erfunden. Deshalb geben wir ihm keine. Sein Lied endet mit den Worten: „und ich lege an“ Die Biografie endet am selben Ort. ===== Zur Entstehung der Figur ===== ==== Wo Wiktor liegen konnte ==== Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September im Grenzraum gegenüber Chwałęcice, Sumina und Brzezie. Ein Bericht aus der Region beschreibt den Vormarsch deutscher Panzer von Szymocice über die Grenze nach Bogunice. Dieselbe Grenzstelle ergibt sich auch aus Ludwigs Aufzeichnungen. Zwischen diesem Übergang und Żory liegen etwa fünfundzwanzig Kilometer. Irgendwo auf diesem Weg lagen polnische Soldaten, deren Aufgabe es war, die deutsche Aufklärung zu beobachten und aufzuhalten. Einen von ihnen nennen wir Wiktor. ==== Fünf vernünftige Sätze ==== Wiktor ist nicht als Zweifler gebaut. Er weiß, zu welcher Seite er gehört. Er muss darüber nicht nachdenken. Was ihn tragisch macht, ist etwas anderes: Fast alles, was er an diesem Morgen vernünftigerweise erwarten kann, wird falsch sein. Er kann glauben, Polen müsse ungefähr zwei Wochen halten, bis die westlichen Verbündeten eingreifen. Das entspricht der politischen und militärischen Erwartung, auf die Polen seine Bündnisse gegründet hatte. Er kann glauben, hinter ihm liege eine Hauptverteidigungslinie, die den deutschen Vormarsch aufhalten wird. Er kann glauben, dass ein Rückzug nach Osten Sicherheit bedeutet. Am 17. September wird dort die Rote Armee einmarschieren. Vom geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Pakts weiß in Polen niemand. Er kann glauben, zu Weihnachten wieder bei Agnieszka und den Kindern zu sein. Und er kann davon ausgehen, dass eine Panzerdivision sich nach der damals bekannten militärischen Lehre nicht beliebig weit von ihrer nachrückenden Infanterie entfernen wird. Nicht der Angriff selbst überrascht die polnische Führung vollständig. Sein Tempo tut es. Fünf vernünftige Erwartungen. Fünfmal falsch. Wiktor kann keine davon überprüfen. ==== Eine Landschaft komplizierter Loyalitäten ==== Die Gegend, in der Wiktor liegt, ist keine einfache nationale Landschaft. In Einheiten der Abteilung „Rybnik“ kam es tatsächlich zu Überläufen auf die deutsche Seite. Angehörige der deutschen Minderheit unterstützten an manchen Orten den deutschen Vormarsch, und in Żory schossen örtliche Deutsche auf zurückgehende polnische Soldaten.((Vgl. Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): //Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę//, dzieje.pl, 1. September 2013; ferner Bębnik: //Wrzesień 1939 r. w Katowicach//, Katowice 2012, und //Sokoły kapitana Ebbinghausa//, Katowice–Kraków 2014.)) Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. Die deutschen Versuche, die Loyalität oberschlesischer Soldaten systematisch zu untergraben, waren weit weniger erfolgreich als geplant. Viele Diversionsnetze wurden bereits vor Kriegsbeginn zerschlagen. Und selbst Fahnenflucht bedeutete nicht automatisch deutsche nationale Überzeugung. Als sich die polnischen Verbände aus Oberschlesien zurückzogen, wollten manche Männer ihren Heimatort schlicht nicht verlassen. Wenn der Marschweg an ihrem Dorf oder ihrer Stadt vorbeiführte, blieben sie dort.((Bębnik bezieht diese Einschätzung unter anderem auf Verbände der 55. Reservedivision.)) Das ist etwas anderes als Verrat. Und es ist auch etwas anderes als Treue. Manchmal war die stärkste Zugehörigkeit nicht die zu Deutschland oder Polen, sondern zu dem Ort, an dem die eigene Familie lebte. Gerade deshalb kommt Wiktor nicht aus Oberschlesien. ==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== Eine frühere Vorstellung der Figur war ein oberschlesischer Mann, dessen Familie durch Grenzen, Plebiszit und Aufstände geteilt worden war. Aber diesen Riss gibt es in unserem Projekt bereits. Er heißt Anton Špaček. Wiktor soll etwas anderes sichtbar machen. Będzin liegt nur etwa sechzig Kilometer entfernt, gehört aber zu einer anderen historischen Landschaft: ehemalige russische Teilungsregion, kein oberschlesisches Plebiszit, keine vergleichbare deutsch-polnische Familiengrenze. Zugleich ist seine Anwesenheit im Raum Żory historisch plausibel. Dort lagen auch Soldaten und Einheiten mit Verbindungen nach Będzin; außerdem wurden kurz vor Kriegsbeginn Reservisten in die vorhandenen Verbände eingegliedert.((B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: //Żory. Zarys dziejów. Wypisy//, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.)) Wiktor gehört damit zu denen, für die die Frage „Bin ich Pole oder Deutscher?“ keine innere Frage ist. Während sie rings um ihn für andere Menschen das ganze Leben zerreißen kann. ==== Was danach kam ==== Wiktor weiß am Morgen des 1. September nicht, wie schnell die Welt hinter ihm verschwinden wird. Będzin wird am 4. September von deutschen Truppen besetzt. Noch am selben Abend brennt die Synagoge. Menschen, die dort Schutz gesucht haben, sterben im Feuer. Die große jüdische Bevölkerung Będzins – Nachbarn, Händler, Handwerker, Stimmen, die für Wiktor seit seiner Kindheit zum Klang der Stadt gehören – wird in den folgenden Jahren fast vollständig vernichtet. Auch die politische Landkarte verändert sich. Große Teile des westlichen Polen werden dem Deutschen Reich einverleibt. Mit der Deutschen Volksliste beginnt später eine Politik, die Menschen kategorisiert, unter Druck setzt und schließlich zahlreiche polnische Staatsbürger in die Wehrmacht zwingt.((Zur Volksliste vgl. IPN: //Kwestia folkslisty na Górnym Śląsku//; ferner Ryszard Kaczmarek: //Górny Śląsk podczas II wojny światowej//, Katowice 2006.)) Ein Teil der Männer, die am 1. September auf deutsche Soldaten zielten, wird wenige Jahre später selbst deutsche Uniform tragen. Für Będzin und das Zagłębie verlief diese Entwicklung anders als im eigentlichen Oberschlesien. Doch auch Wiktors Heimat wird Teil einer deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik. Davon weiß er nichts. Er liegt am Waldrand und hofft, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. Das ist die Form, die wir diesem erfundenen Leben geben: ein vernünftiger Mensch, dessen vernünftige Erwartungen innerhalb weniger Tage und Wochen zusammenbrechen, ohne dass er es in diesem Augenblick wissen kann. ==== Was erfunden ist – und was nicht ==== Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. Sein Name ist erfunden. Ebenso seine Herkunft im Einzelnen, sein Beruf, Agnieszka, Paweł und Ludka, seine Wohnung und die Leiter am Schuppen. Nicht erfunden sind der deutsche Vormarsch über die Grenze, die Kämpfe im Raum Rybnik und Żory, die polnischen Stellungen, die Mobilmachung, die militärischen Befehle und die Erwartungen, mit denen polnische Soldaten diesem Krieg entgegengingen. Wir behaupten nicht, Wiktors Gedanken zu kennen. Wir behaupten etwas Kleineres: Ein Mann wie er konnte dort liegen. Die Umstände, unter denen er lag, sind historisch. Und der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, hatte auf der anderen Seite ebenfalls einen Menschen. Ludwig hat ihn nicht gesehen. Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht. ==== Vor Ort weiterfragen ==== Diese Seite und das Lied sind aus deutschen und polnischen Quellen entstanden. Auf der Reise nach Rybnik und Żory soll ihre historische Einordnung weiter überprüft werden. Was Menschen vor Ort ergänzen, anders erinnern oder korrigieren, soll in die weitere Arbeit einfließen. 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